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ROUNDUP 2: Linde verschärft Sparkurs und plant Stellenabbau

Freitag, 28.10.2016 13:24 von

(Neu: Mehr Details, unter anderem zum Stellenabbau)

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der Gase-Hersteller Linde (Linde Aktie) verschärft nach der geplatzten Fusion mit US-Konkurrent Praxair (Praxair Aktie) seinen Sparkurs und plant auch einen Stellenabbau. Pullach bei München werde der wichtigste Standort von Linde bleiben, aber man werde an jedem Standort in Diskussionen einsteigen, sagte Unternehmenschef Wolfgang Büchele am Freitag auf der Pressekonferenz in München. Linde beschäftigt weltweit 65 000 Mitarbeiter, davon rund 8000 in Deutschland.

Mit einem weiteren Programm will das Linde-Management ab 2019 zusätzlich 370 Millionen Euro jährlich einsparen. Mit dem bereits laufenden Programm erhöhe sich das jährliche Einsparziel damit auf rund 550 Millionen Euro. Doch zunächst einmal kostet der Umbau Geld: Das Management rechnet im laufenden und kommenden Jahr insgesamt mit 400 Millionen Euro an Kosten. Das angekündigte Sparprogramm kam an der Börse gut an. Die Aktie verteuerte sich im Nachmittagshandel um fast drei Prozent.

BIS ZU 4 000 STELLEN KÖNNTEN WEGFALLEN

Spekulationen, dass bis zu 4000 Arbeitsplätze wegfallen könnten, wollte Büchele nicht kommentieren. In den nächsten Wochen begännen die Gespräche mit den Arbeitnehmer-Vertretungen. Der Vorstand werde jede Region und jeden Geschäftsbereich unter die Lupe nehmen, aber "nicht mit dem Rasenmäher vorgehen". Geplant seien eine Vielzahl von zusätzlichen Maßnahmen.

"Unser klares Ziel ist, Linde langfristig und nachhaltig zu einem der profitabelsten und präferierten Anbieter im Industriegase- und Engineeringgeschäft auszubauen", sagte der scheidende Unternehmenschef Büchele. Es gebe keine "Kahlschlagsmentalität des Managements, sondern veränderte Rahmenbedingungen" für Linde. Manchmal helfe es einem Unternehmen langfristig, wenn rechtzeitig Arbeitsplätze wegfielen. Den Aktionären stellte er eine höhere Dividende in Aussicht.

PREISDRUCK IM US-MEDIZINGASE-GESCHÄFT BELASTET

Linde bekommt in seiner größeren Sparte Gase den Preisdruck im US-Medizingeschäft zu spüren, aber auch die schwächere Nachfrage aus der verarbeitenden Industrie in Australien. Dem kleineren Anlagenbau machen zudem der niedrige Ölpreis, Überkapazitäten und die daraus resultierende Zurückhaltung von Kunden zu schaffen. Im dritten Quartal ging der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) um 2,2 Prozent auf 1,01 Milliarden Euro zurück. Hinzu kamen negative Währungseffekte. Die Auftragslage im Anlagenbau stabilisierte sich hingegen auf niedrigem Niveau.

Unter dem Strich blieben bei dem auf die Aktionäre entfallenden Gewinn mit 313 Millionen Euro aber 11,4 Prozent mehr hängen. Der Umsatz schrumpfte um 2,4 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro. Mit seinen Kennzahlen übertraf das Unternehmen leicht die Erwartungen der Analysten. Beim Ausblick bleibt Linde weiter vage. Für 2016 peilt der Gase-Spezialist weiter einen währungsbereinigten Zuwachs bei Umsatz und operativem Ergebnis (Ebitda) von bis zu vier Prozent an. Sollte es aber schlecht laufen, dann könnten Umsatz und Ebitda auch um bis zu drei Prozent schrumpfen.

VERLUST VON VORSTÄNDEN

Linde hat ein turbulentes Quartal hinter sich: Erst platzten die Fusionsgespräche mit dem US-Konkurrenten Praxair, dann folgte der Verlust von gleich zwei Vorständen. Finanzvorstand Georg Denoke, der als Gegner der Fusion galt, musste mit sofortiger Wirkung gehen. Aber auch Vorstandschef Wolfgang Büchele verlässt den Konzern Ende April 2017. Der damalige Unternehmenschef und heutige Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle muss nun schnell einen Nachfolger für den Posten finden.

Das Verhältnis zwischen Denoke, der vor zehn Jahren unter Reitzle in den Linde-Vorstand gekommen war, und dem ehemaligen BASF-Manager Wolfgang Büchele galt als angespannt. Zuletzt hatte der Finanzchef Insidern zufolge im Hintergrund gegen den Zusammenschluss mit Praxair gearbeitet. Dies habe die Position von Linde bei den Verhandlungen mit dem US-Konkurrenten geschwächt. Ursprünglich war eine Fusion unter gleichen angestrebt worden, zum Schluss aber hätten die Vorteile für Praxair überwogen.

KEINE NEUEN GESPRÄCHE MIT PRAXAIR

Hätte der Zusammenschluss mit Praxair geklappt, wäre Linde wieder die Nummer eins für Industriegase geworden. Linde hatte seinen globalen Spitzenplatz an den französischen Rivalen Air Liquide (Air Liquide Aktie) abtreten müssen, nachdem dieser in diesem Jahr den US-Konkurrenten Airgas geschluckt hatte. In Börsenkreisen wurde jüngst über eine Wiederaufnahme der Fusionsverhandlungen mit Praxair spekuliert. Büchele sagte: "Wir haben die Verhandlungen beendet. Wir konzentrieren uns jetzt auf das Sparprogramm." /mne/jha/stb