Nach der Wahl ist vor der Wahl

Donnerstag, 01.12.2016 08:43 von

New York (GodmodeTrader.de) - Nachdem Anleger in einer unmittelbaren Reaktion auf den Wahlsieg Trumps eine Art Positivszenario durchgespielt hatten, wuchs in den Tagen danach dann doch die Skepsis inwieweit die wachstumsdämpfenden Reformpläne auf Trumps Agenda die wachstumsfördernden überlagern könnten. Auch die Nominierung von Stephen Bannon als Trumps „Chefstratege und führendem Berater“ sorgte nicht gerade für Euphorie, gilt der Wahlkampfmanager Trumps doch als ein radikaler Hardliner, der unter anderem über seine Website „Breitbart News“ polemische und provokative Verschwörungstheorien verbreitet, wie Felix Herrmann, BlackRock-Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa, in einem aktuellen Marktkommentar schreibt.

Mit der Ernennung von Reince Priebus als neuen Stabschef versuche Trump jedoch offenbar eine Brücke zum Washingtoner Establishment zu schlagen. Der in Washington gut integrierte Insider werde ab Januar den gesamten Verwaltungsapparat in Washington leiten. Bannon und Priebus sollen laut Trump auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Wer von beiden allerdings letztlich mehr Einfluss auf Trump und die Entscheidungsprozesse im Weißen Haus haben werde, werde politisch wichtig sein und dürfte auch von den weiteren Kabinettsnominierungen abhängen, heißt es weiter.

„Mit einer Mehrheit im Kongress haben Trump und die Republikaner rein theoretisch eine große legislative Beinfreiheit. Aber wie für viele Politiker in der Welt gilt auch für die Republikaner im Kongress: sollte ihre Wiederwahl aufgrund Trumps Agenda gefährdet sein, werden sie sich auf die Hinterbeine stellen und womöglich rebellieren. Mit anderen Worten: wenn Trumps Politik gegen allzu viele traditionell republikanische Positionen läuft, könnten die Spannungen bereits vor den nächsten ‚Midterm-Elections‘ in 2018 sehr intensiv werden. Die Unsicherheit über den künftigen wirtschaftlichen und politischen Kurs der USA ist also durchaus groß“, so Herrmann.

Für die US-Notenbank habe die für viele überraschend positive Marktreaktion auf den Wahlausgang hingegen den Weg für eine Zinsanhebung im Dezember frei gemacht. Auf ihrer ersten Rede nach der Präsidentschaftswahl habe Yellen einen Zinsschritt auf der nächsten FOMC-Sitzung recht deutlich in Aussicht gestellt. Aber auch einen Seitenhieb auf Trump, der die Unabhängigkeit der Fed unter Yellen in Frage stellte, habe sich die Notenbankchefin nicht verkneifen können. Yellen habe vehement bestritten, dass die Fed in den letzten Jahren die Zinsen niedrig gehalten habe, um Obama das Regieren zu erleichtern. Hier zeichne sich ganz offensichtlich eine frostige Beziehung zwischen Fed und Weißen Haus – zumindest bis zum Ende von Yellens Amtszeit im Jahr 2018 – ab, heißt es weiter.

„Ansonsten gilt dieser Tage: Nach der Wahl ist vor der Wahl, wobei sich der Fokus nun wieder nach Europa verlagert. Am 4. Dezember steht neben der Präsidentschaftswahl in Österreich die mit Spannung erwartete Volksabstimmung über die Senatsreform in Italien an. Für Renzi stehen die Zeichen dabei gar nicht gut. In 32 Umfragen, die seit dem 21. Oktober durchgeführt wurden, lag das Lager der Reformgegner in ausnahmslos allen vorne. Obwohl der Anteil der unentschiedenen Wähler mit fast 30 Prozent immer noch hoch ist, sollte sich die Regierung in Italien ernsthaft mit einem Plan B beschäftigen, falls das Referendum verloren gehen und Renzi aufgrund steigenden politischen Drucks zu einem Rücktritt gezwungen sein sollte. Das Fehlen eines solchen Plans wiederum würde die Politik in Italien in ein sehr unruhiges Fahrwasser entlassen“, so Herrmann.

Die Erwartung einer „Trumpflation“ in den USA habe den seit Sommer anhaltenden Trend zu steigenden Inflationserwartungen am Markt noch einmal verstärkt. Die langfristigen Preissteigerungserwartungen jenseits des Atlantiks notierten mit circa 2,5 Prozent auf dem höchsten Stand des Jahres. Die Zinskurve in den USA habe als Reaktion darauf enorm an Steilheit gewonnen. Der Renditeabstand zwischen US-Staatsanleihen mit zwei und zehn Jahren Restlaufzeit sei mit etwa 1,25 Prozentpunkten ebenfalls auf einem neuen Jahreshoch angelangt. Ausgehend von diesem Niveau dürfte sich die Gefahr weiterer abrupter Zinsanstiege nun erstmal ein Stück weit verringert haben. Gut möglich, dass der Rentenmarkt in den USA bis auf weiteres in einer abwartenden Haltung verharren werde, bis erste konkrete Stimulusmaßnahmen von Trump auf den Weg gebracht würden. Eine ausgeprägte „Trumpflation“ sei Stand heute alles andere als eine ausgemachte Sache, heißt es weiter.

„Der massive Anstieg des US-Dollars auf ein neues Jahreshoch war in den letzten Tagen Spiegelbild des gestiegenen ‚Transatlantikspreads‘, also des Zinsunterschiedes zwischen der Eurozone und den USA. Ein deutlich steilerer Zinsanstiegspfad in den USA ist bei Euro-Dollar mittlerweile ebenso eingepreist, wie eine Verlängerung des EZB-Ankaufprogramms im Dezember. Genau wie am Zinsmarkt stehen die Zeichen ausgehend von diesen Prämissen nach der starken Bewegung nun erst einmal auf Konsolidierung“, so Herrmann.

Am Aktienmarkt hätten die steigenden Inflationserwartungen derweil defensive Werte stark unter Druck gesetzt. Firmen mit einem weniger konjunkturabhängigen Geschäftsmodell litten traditionell stärker, wenn die Zinsen stiegen. Zyklische Werte hingegen hätten profitieren können. „Ob uns aber tatsächlich eine Sektorrotation hin zu Zyklikern ins Haus steht, wird ebenfalls stark vom zukünftigen Pfad der Zins- und Inflationsentwicklung in der Welt abhängen“, so Herrmann.