Lebensversicherungen: Werden teure Alt-Policen zur Manövriermasse ?

Sonntag, 16.10.2016 14:25 von

BONN (dpa-AFX) - Die Finanzaufsicht Bafin will die Belange von Verbrauchern wahren, sollte deren Lebensversicherung an einen anderen Anbieter verkauft werden. "Darauf wird die Bafin streng achten", sagte der Chef der Versicherungsaufsicht, Frank Grund, der Deutschen Presse-Agentur und der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Im Verkauf von Alt-Verträgen sieht er kein Allheilmittel für die von den Niedrigzinsen gebeutelte Branche. "Die gesetzlichen Hürden sind so hoch, dass eine solche Transaktion in vielen Fällen kaum finanzielle Vorteile für den Käufer bietet."

Aus wirtschaftlicher Sicht mache es nur dann Sinn, Bestände zu übernehmen, "wenn man große Kostenvorteile etwa durch deutlich überlegene Verwaltungssysteme hat, insbesondere eine leistungsfähige IT", sagte Grund. Lebensversicherer tun sich angesichts der Niedrigzinsen zunehmend schwer, die hohen Garantieversprechen der Altverträge zu erwirtschaften. Für Spezialisten könnte eine Übernahme der Resterampe dagegen interessant sein, meinen Branchenbeobachter. Verbrauchschützer befürchten allerdings, dass Käufer die Kunden nicht mehr als nötig an den laufenden Überschüssen beteiligen.

Bislang liegt der Bafin Grund zufolge nur ein Antrag auf einen sogenannten Run-Off zur Bearbeitung vor. Ein zweiter sei angekündigt, sagte Deutschlands oberster Versicherungsaufseher, ohne Namen zu nennen. "Die große Euphorie im Markt ist raus, das war eher ein medialer Hype." Zuletzt hatte die Arag angekündigt, das Lebensversicherungsgeschäft an die Frankfurter Leben Gruppe zu verkaufen.

Hoffnung auf bessere Zeiten kann Grund Lebensversicherern und ihren Kunden vorerst nicht machen. Die Unternehmen würden wegen der Zinsflaute in diesem Jahr rund 13 Milliarden Euro für hohe Garantien der Vergangenheit zurücklegen. "In den kommenden beiden Jahren wird der Betrag voraussichtlich noch einmal steigen. Die Entwicklung zeigt, wie groß die Herausforderungen durch die Niedrigzinsen sind."

Seit 2011 muss die Branche den milliardenschweren Puffer bilden, um hohe Zinsgarantien von bis zu 4 Prozent für Altverträge zu erfüllen. Grund räumte ein, dass die Zinszusatzreserve die Unternehmen belaste, "das ist uns klar". "Sie ist aber ein sinnvolles Instrument, sie hat bis Ende des vergangenen Jahres 32 Milliarden Euro an zusätzlichen Rückstellungen eingebracht und sichert damit ab, dass die vereinbarten Leistungen erfüllt werden können."

Die Festlegung des Garantiezinses durch das Finanzministerium hält der Versicherungsaufseher im Grundsatz für ein sinnvolles Instrument, "damit sich die Unternehmen nicht durch zu hohe Versprechen übernehmen". Die Relevanz des Höchstrechnungszinses nehme aber weiter ab, weil immer mehr Lebensversicherer Produkte ohne feste Renditeversprechen anböten. "Ich glaube, dass sich in der Gesellschaft die Erkenntnis durchsetzen wird, dass Garantien teuer sind und Verträge ohne solche Versprechen sich am Ende mehr lohnen können".

Potenzial zur Entlastung der Unternehmen sieht Grund bei den Kosten. "Da müssen Versicherer noch mehr tun. Die Vertriebskosten sind weiter sehr hoch". Vergleichsportale im Internet hätten den Markt zwar in Bewegung gebracht. "Allerdings sehen wir derzeit dadurch noch keine Kostenentlastungen. Im Gegenteil: Wegen der hohen Vermittlungsgebühren scheinen die Vertriebskosten eher zu steigen"./mar/enl/DP/he