Was Mittelstandsanleihen mit Lord Voldemort gemeinsam haben

Sonntag, 31.01.2016 11:48 von

Vor etwa fünf Jahren waren die sogenannten Mittelstandsanleihen neu und angesagt, doch mittlerweile entpuppten sich viele Bonds als Millionengrab. Dies hatte sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet, weshalb sich verschiedene Börsen vorsichtshalber von dem Begriff „Mittelstandsanleihen“ distanzierten. Da die Anleihen zumeist mit einer Laufzeit zwischen vier und fünf Jahren ausgestattet wurden, stehen nun bei vielen Unternehmen Anschlussfinanzierungen an. Oftmals zeigt sich für Privatanleger bei dieser Gelegenheit erstmals, wie es um die Seriosität der Unternehmen bestellt ist.

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So steht dem Photovoltaik-Anlagenbauer Singulus Technologies AG das Wasser inzwischen bis zum Hals. Eine erste Versammlung ihrer Anleihegläubiger konnte mangels Präsenz nicht abgehalten werden. In der Folge droht dem Unternehmen beim Scheitern der für den 15. Februar 2016 angesetzten zweiten Versammlung die Insolvenz. Die Beschlussfähigkeit solcher Versammlungen ist abhängig von der Anwesenheit der Stimmrechte. Sind bei einer ersten Versammlung noch mindestens 50% gefordert, so ermäßigt sich der Prozentsatz bei der zweiten auf nur noch 25%. Bedenkt man, dass die zur Abstimmung anstehenden Änderungen einer 75%-igen Zustimmung bedürfen, so können im „schlimmsten Fall“ lediglich 18,75% des Nominalbetrages einer Anleihe weitreichende Änderungen - wie Schuldenschnitt, Laufzeitverlängerung, Kuponänderung, etc. - beschließen, die dann für alle Gläubiger gültig sind. Dass die mit hohen Zinsen gelockten Anleger nun aus allen Wolken fallen, ist verständlich - zumal sich viele Privatanleger erstmals mit dieser neuen Art der Demokratie konfrontiert sehen. Es ist also nicht verwunderlich, dass bei der Begrifflichkeit „Mittelstandsanleihen“ manches an Lord Voldemort, den Gegenspieler von Harry Potter erinnert. Denn beiderlei Namen dürfen nicht ausgesprochen werden.

Ähnlich schwere Zeiten kommen momentan auch auf die Gläubiger der German Pellets Anleihen zu. Insgesamt hat das Unternehmen German Pellets GmbH drei Anleihen im Gesamtvolumen von 252 Mio. € aufgelegt. Obwohl nur eine Anleihe am 31.03.2016 über 80 Mio. € endfällig sein wird, sorgte die Gesellschaft mit der Einberufung einer Gläubigerversammlung für den 10. Februar diesen Jahres für Verwirrung unter den Anlegern. Prompt gingen die Kurse aller Anleihen von German Pellets auf Talfahrt. Dass den Gläubigern eine Laufzeitverlängerung unter gleichzeitiger Reduzierung der Verzinsung und einer Besicherung durch 50% der Gesellschafteranteile als seriöses Angebot schmackhaft gemacht werden soll, lässt schon tief blicken. An den Börsen werden zwar oftmals steigende Kurse mit der vorhandenen, positiven Phantasie erklärt, aber auch fallende Kurse spiegeln Einschätzungen wider. So wie in diesen Fällen.

Den Investoren in „Lord Voldemort“-Bonds sei geraten, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

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Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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