Referendum in Italien lässt Nervosität an den Märkten steigen

Samstag, 26.11.2016 10:18 von

Nach dem Brexit-Votum der Briten und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten geht an den Kapitalmärkten ein neues Gespenst um: Das Wort vom „Italexit" macht an den Börsen die Runde. Gemeint ist ein möglicher Austritt Italiens aus der Europäischen Union - eine Gefahr, die eng mit dem am 4. Dezember anstehenden Referendum verknüpft ist, an dem die Italiener über eine neue Verfassung abstimmen.


Die Crux daran ist, dass Ministerpräsident Matteo Renzi sein politisches Schicksal mit dem Ausgang der Wahl verbunden hat. Stimmen seine Landsleute den geplanten Veränderungen nicht zu, müsste er eigentlich zurücktreten, was die Krise in der EU wiederum verschärfen würde. Schon ist an den Märkten davon die Rede, dass das Referendum der Wendepunkt zwischen Himmel und Hölle sein könnte.

Aber um was geht es Renzi? Der Ministerpräsident will lediglich über Einschränkungen bei der Rolle des Senats und Zuständigkeiten der Regionalregierungen abstimmen lassen. Damit könnten Blockaden aufgelöst und Reformen in Italien besser durchgesetzt werden als bisher. Weil aber Renzi hoch gepokert und sein politisches Schicksal mit dem Ausgang des Votums verknüpft hat, ist die Situation eine diffizile. Meinungsforscher erwarten Renzi als großen Verlierer für den 4. Dezember. Beobachter fürchten nun, dass im Falle eines Rückzugs von Renzi Rechtspopulisten wie die Protestpartei der sogenannten Fünf-Sterne-Bewegung unter der Führung des Komikers Beppe Grillo Oberwasser bekommen könnten. Als relativ sicher gilt, dass ein Rücktritt Renzis Italien, wo die Arbeitslosenquote bei hohen 12% verharrt, wieder in ein politisches Chaos stürzen dürfte, obwohl noch jede Menge Hausaufgaben zu machen wären.

Diese Entwicklung hinterlässt auch am Rentenmarkt ihre Spuren. So entwickeln sich die größten Volkswirtschaften Südeuropas, Italien und Spanien, immer weiter auseinander. Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen ist knapp zwei Wochen vor dem Referendum auf den höchsten Stand seit Juli 2015 gestiegen und liegt damit rund einen halben Prozentpunkt über der von spanischen Titeln. In dieser Entwicklung drückt sich das gestiegene politische Risiko im Vorfeld des Referendums aus. Spanien kommt dagegen die Entspannung seiner politischen Situation entgegen. Außerdem ist dort das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit Einführung des Euro im Jahr 1999 um über 14% gestiegen. In Italien liegt diese Quote dagegen um 3,8% darunter.

In Italien leiden die Banken weiterhin unter einem 360 Mrd. € schweren Berg an faulen Krediten. Allein die angeschlagene Banca Monte dei Paschi di Siena benötigt eine milliardenschwere Kapitalspritze. Eine Rettungsaktion für die italienischen Banken dürfte bei einem „No“ zu dem Referendum und damit einer politischen Niederlage für Renzi noch schwerer werden, als sie ohnehin schon ist.

Die Frage wird dann sein, ob die Europäische Zentralbank (EZB), die bereits vier Tage nach dem Referendum unter ihrem Chef Mario Draghi zusammenkommt, gegebenenfalls eine Verkaufswelle italienischer Staatsanleihen an den Rentenmärkten zu verhindern weiß.

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Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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