Kritik an der EZB und Kritik von der EZB

Freitag, 23.09.2016 17:31 von

Es war eine Woche, in der ausgerechnet Bundesbank-Chef Jens Weidmann die Europäische Zentralbank (EZB) gegen Kritik in Schutz nahm, und umgekehrt die EZB in Person ihres Chefvolkswirts die Exportausrichtung der deutschen Wirtschaft anprangerte.

Als ungerecht hatte der Mannheimer Professor Klaus Adam in einer Studie die Niedrigzinspolitik der EZB gebrandmarkt, weil sie kleine Sparer enteigne und wohlhabende Aktienbesitzer begünstige. Damit würde die Vermögensungleichheit verschärft. Noch bevor die EZB reagieren konnte, sprang ihr ausgerechnet Jens Weidmann bei, der ansonsten selbst ein vehementer Kritiker der EZB-Geldpolitik ist. Eine solche Schlussfolgerung sei voreilig, so der Bundesbank-Chef. Die EZB-Politik schlage sich nicht nur in einem Anstieg der Vermögenspreise nieder, sondern auch in mehr Wachstum und Arbeitsplätzen, was dann auch wieder den unteren Bevölkerungsschichten nutze. Man weiß nicht, warum sich Weidmann zu dieser Reaktion bemüßigt fühlte, hatte doch ausgerechnet eine Mitarbeiterin des hauseigenen Bundesbank-Forschungszentrums an der Studie des Professors mitgeschrieben.

Indessen haben die starke deutsche Exportindustrie und der damit verbundene Exportüberschuss immer wieder Kritiker auf den Plan gerufen. In dieser Woche hat sich auch der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Peter Praet, eingereiht. Europas größte Volkswirtschaft solle seine derzeit günstige wirtschaftliche Lage doch nutzen, um endlich die Binnennachfrage anzukurbeln, fordert er. Aufgrund des Exportüberschusses in Höhe von nahezu neun Prozent der Wirtschaftsleistung sei die deutsche Volkswirtschaft zu stark abhängig von der Nachfrage im Ausland, sagte er der französischen Zeitung „L'Opinion". Deutschland müsse nun Reformen durchsetzen und den Binnenmarkt voranbringen, so das Credo von Praet. Dies könne über höhere Löhne, eine Erhöhung der Investitionen oder eine Senkung der Steuerlast geschehen.

Ähnlich kritisch sieht dies bekanntlich die EU-Kommission, die der Bundesregierung bereits regelmäßig empfiehlt, mehr zu investieren und so die Nachfrage im Inland anzukurbeln, wodurch der Exportüberschuss schrumpfen würde. Tenor der Kritik ist dabei immer wieder, dass Länder mit hohen Überschüssen dazu beitragen, dass andere Staaten sich hoch verschulden, um ihre Importe zu finanzieren. Vielleicht aber liegt das Geheimnis deutscher Exporterfolge ja einfach in wettbewerbsfähigen Produkten.

 

 

 

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Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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