Halvers Markteinschätzung: Ende der US-Leitzinswende

Freitag, 05.02.2016 12:11 von

Der Zinserhöhungszyklus der US-Notenbank steht zur Disposition. Zunächst lassen aus nationaler Sicht die Zinsargumente nach. Mittlerweile geht es nicht mehr nur um die verhaltene Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe der USA, das sich bereits in der Rezession befindet. Auch im bislang stabilen Dienstleistungssektor hat sich nach der dritten Eintrübung in Folge ein Abwärtstrend etabliert.

 

Die US-Notenbank beunruhigt insbesondere die Beschäftigungsplanung. Diese ist in der US-Industrie bereits seit Mitte 2015 stark rückläufig und signalisiert weiteren Stellenabbau. Als Handicap erweist sich aktuell der US-Energiesektor. Gerade das Öl- und Gas-Fracking war als Ausgangspunkt der nächsten industriellen Revolution in den USA gedacht. Ihre im Vergleich zu konventioneller Förderung günstigeren Ölpreise sollten nicht nur der US-Exportindustrie internationale Wettbewerbsvorteile verschaffen, sondern auch ausländische Industrieansiedlungen fördern. Nicht zuletzt sollte über diese Zukunftsbranche insgesamt eine neue amerikanische Beschäftigungsoffensive in Gang gesetzt werden. Bislang jedoch verhinderten die schwachen Ölpreise diese Zukunftshoffnungen.

 

Mittlerweile macht sich aber auch im früher robusten Dienstleistungssektor ein spürbar langsamerer Beschäftigungsaufbau bemerkbar.

 

Aber auch das Thema Finanz- bzw. Bankenkrise ist in den USA wieder auf dem Tisch. Der Investitionsboom der US-Fracking-Industrie basierte auf einer dramatischen Refinanzierung über Unternehmensanleihen und Bankenkredite, die insbesondere 2016 und 2017 fällig sind und refinanziert werden müssen. Die ölpreisbedingt schwachen Einnahmen des Energiesektors haben aber bereits zu Liquiditätsengpässen und massiv notleidenden Krediten sowie rückzahlungsgefährdeten Energieanleihen geführt. Schätzungsweise sind ein Drittel der Finanzierungen ausfallgefährdet. Der massive Kursverfall von US-Unternehmensanleihen (High Yield) aus dem Energiesektor unterstreicht diese dramatische Markteinschätzung. Die Angst vor einer Insolvenzwelle bei Energiefirmen mit negativer Ausstrahlung auf Banken hat die Aktienentwicklung der Banken bereits in Mitleidenschaft gezogen. Auch vor diesem Hintergrund gibt es keinen Grund für eine Fortsetzung der US-Leitzinswende.

Angeschlagene Weltwirtschaft als willkommenes Alibi für US-Zinsentspannung

 

Auch die globalen Konjunkturrisiken kann die Fed nicht unbeachtet lassen. In China verdeutlicht die Neuauftragskomponente des offiziellen Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe die Neue Sachlichkeit der Industrie. Immerhin hält sich das Dienstleistungsgewerbe stabil, kann aber einen Dynamikverlust auch nicht leugnen. Allerdings sollte man sich auch vor Augen führen, dass Chinas Übergang zu einer nachhaltigeren Wachstumsphantasie nach langen Jahren des Turbo-Wachstums logisch ist. Anderenfalls würde eine dramatische konjunkturelle Überhitzung drohen, die ein Platzen der Wirtschaftsblase nach sich ziehen würde.

 

Auch die Eurozone zeigt sich gemäß der Eintrübung von ifo Geschäftslage und -erwartungen im I. Quartal 2016 konjunkturell lethargisch: Setzt man beide Komponenten gemäß der vier Konjunkturphasen zueinander in Beziehung, droht die Euro-Konjunktur vom Boom in den Abschwung abzurutschen.

Wenn aus Zins-Falken -Tauben werden

 

Vor diesem nationalen und internationalen Konjunkturhintergrund hat sich die Tonlage einzelner Mitglieder der Fed bereits Richtung Taubengurren geändert. Frau Yellen bekommt sozusagen auf einem silbernen Tablett starke Argumente geliefert, den Zinserhöhungstrend zumindest auszusetzen. Der konkrete Anlass dazu bietet sich im Rahmen der nächsten Fed-Sitzung. Dann könnte man mit der Senkung der US-Inflations- und Wachstumsprojektionen sogar den Nährboden für ein vorzeitiges Ende ihrer Zinserhöhungspolitik bereiten.

 

Aktuelle Marktlage - Die Fed könnte einen positiven Dominoeffekt bei Aktien auslösen

 

US-Notenbankpräsidentin Yellen würde damit zu einer Verkettung glücklicher Umstände an den Aktienmärkten beitragen. Wenn sie von weiteren Zinserhöhungen absieht, wird der US-Dollar seinen Aufwertungsdrang umkehren. Damit würde zunächst die Kapitalflucht aus den Schwellenländern Richtung USA eingedämmt. Gleichzeitig fällt es den Schwellenländern leichter, ihren Schuldendienst auf US-Dollar-Basis durchzuführen. Nicht zuletzt erholt sich dann der Ölpreis, der sich grundsätzlich entgegengesetzt zum US-Dollar entwickelt.

 

Mit erneut steigenden - wenn auch nicht drastischen - Ölpreisen gewinnen die Rohstoffländer wiederum an weltkonjunktureller Kaufkraft, ohne die Industrieländer aber zu sehr in puncto Rohstoffeinkauf zu schädigen. Dieser Positiveffekt würde sich noch verstärken, wenn sich die Perspektive eines bislang unbestätigten Abkommens zwischen der OPEC und Russland bezüglich Förderkürzungen von je fünf Prozent bestätigen würde. Grundsätzlich wird eine einvernehmliche Produktionskürzung aufgrund des untragbaren ruinösen Wettbewerbs ohnehin immer wahrscheinlicher. Ansonsten verlieren am Ende alle Ölförderländer. Kommt es zu einem Abbau des seit Sommer 2014 bestehenden Angebotsüberhangs, wäre das mit spürbaren Entspannungseffekten beim Ölpreis verbunden.

Diese Markteinschätzung setzt sich auch am Öl-Terminmarkt allmählich durch.

Wieder steigende Ölpreise kämen über anziehende Gewinne auf dem US-Energiesektor letztlich auch dem US-Aktienmarkt fundamental zugute. Denn die verhaltene Gewinnentwicklung von Corporate America seit Ende 2014 ist zu einem Großteil dem schwachen US-Energiesektor zuzuschreiben.

Chinas Planwirtschaft - Nie war sie für die Anlegerstimmung so wichtig wie heute

 

Chinas vermeintlich schwache Konjunktur wäre niemals so in den Anlegerfokus gerückt und hätte niemals die Stimmung an den Weltaktienmärkten so gedrückt, wenn Chinas Notenbank den Aktienmarkt seit Jahresanfang vor dem Kollaps bewahrt hätte. So hat man aber unnötigerweise schlafende Hunde geweckt und überskeptische Fragen zur chinesischen Wirtschaft mit Streueffekten weltweit zugelassen. Und dabei ist der chinesische Aktienmarkt nicht mehr als ein Spielcasino, dass die Wirtschaftsstärke Chinas definitiv nicht abbildet. Wird jedoch die Stimmung der Aktionäre Chinas lange genug geschädigt, darf man sich über Kollateralschäden für eine an sich stabile realwirtschaftliche Situation nicht wundern. Wenn sich die KP Chinas mit Planwirtschaft auskennt, muss sie diese jetzt auch bei der Stabilisierung des chinesischen Aktienmarkts praktizieren. Dann beruhigen sich auch die konjunkturellen Gemüter wieder. An dieser künstlichen Befruchtung der westlichen Art kommt selbst China nicht mehr vorbei.

 

Tatsächlich hat die People’s Bank of China gegenüber den westlichen Notenbanken noch deutliches Nachholpotenzial, um nicht nur qualitativ über Zinssenkungen, sondern insbesondere quantitativ über eine Liquiditätsoffensive Chinas Finanzmärkte und damit Konjunktur zu stabilisieren.

Die Aktienmärkte sind überverkauft - Der Bärenmarkt verliert an Kraft

 

Grundsätzlich sind die Aktienmärkte überverkauft. Gemäß des von der BNP Paribas veröffentlichten Love-Panic Market Timing Indikators für den US-Aktienmarkt - er liefert Anhaltspunkte für Aktienkäufe, sobald der Index ab der Schwelle von minus 20 in den Panic-Bereich fällt und für Verkäufe bei einem Überschreiten der Schwelle von 20 in den Love-Bereich - ist auf Sicht der nächsten sechs Monate wieder mit steigenden Kursen zu rechnen.

                              

Ohnehin gibt es aufgrund des renditeschwachen Zinsvermögens keine Alternative zu Aktien, was ein Vergleich der Dividendenrenditen von DAX bzw. Euro Stoxx 50 von rund 3,5 bzw. 4 Prozent mit der Negativrendite 5-Jähriger deutscher Staatsanleihen, die sogar unter Tagesgeld-Niveau liegt, verdeutlicht.

 

Charttechnik DAX und Euro Stoxx 50 - Die Bewährungsprobe

 

Charttechnisch liegen im DAX auf der Oberseite erste Widerstände bei 9.563, in der Kurslücke zwischen 9.884 und 9.929 und darüber in der Zone zwischen 10.087 und 10.123 Punkten. Darüber warten weitere Barrieren bei 10.208, 10.253 und 10.486 Punkten. Unterstützungen findet der DAX dagegen im Bereich zwischen 9.325 und 9.314 sowie schließlich bei 8.719 Punkten.

 

Der Euro Stoxx 50 trifft bei 2.950, am kurzfristigen Abwärtstrend bei aktuell 3.043 Punkten und darüber bei 3.137 sowie 3.200 Punkten auf Widerstand. Auf der Unterseite liegen Unterstützungen bei 2.850 und 2.550 Punkten.

 

Der Wochenausblick für die KW 6 - Wachstums-Check für die Eurozone

 

In der Eurozone unterstreichen die schwächeren BIP-Zahlen für das zurückliegende IV. Quartal 2015 die konjunkturellen Abwärtsrisiken. Entsprechend verhalten zeigt sich das Investorenvertrauen laut Finanzdatenanbieter Sentix. Insbesondere in Deutschland dürfte sich das Wirtschaftswachstum im IV. Quartal abgeschwächt haben. Die Industrieproduktion sowie die Exporte für Januar deuten auf einen schwachen Jahresstart hin.

 

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Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit 1990. Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.
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