Halvers Kolumne: Die Welt ertrinkt in Schulden - Was heißt das für die Geldanlage?

Mittwoch, 21.09.2016 11:18 von

Das Thema „Schuldenkrise“ findet sich kaum noch in öffentlichen Schlagzeilen. Aber ist es tatsächlich verschwunden? Nein, genauso wenig wie Unkraut auf Streuobstwiesen. In Europa sind es nicht nur die üblichen Verdächtigen Griechenland oder Portugal, sondern längst auch Frankreich, Italien und Spanien, die bis Oberkante Unterlippe verschuldet sind. 

 

In Amerika vermehrt sich die Staatsverschuldung wie Viren in der Erkältungszeit. Mittlerweile haben sich dort nahezu 20 Billionen angehäuft. Präsident Obama wird als der bisher dynamischste aller Schuldenmacher in die US-Finanzgeschichte eingehen. Er wird die seit Gründung Amerikas 1776 bis zu seinem Amtsantritt im Januar 2009 aufgelaufene Staatsverschuldung am Ende seiner achtjährigen Dienstzeit Anfang 2017 glatt verdoppelt haben. Während Onkel Dagobert Duck im Comic in Golddukaten badet, schwimmt Uncle Sam in Amerika in Schuldpapieren.

 

Japan steht mit dem 2,5-fachen seiner Wirtschaftsleistung so hoch in der Kreide, dass Griechenland dagegen so etwas wie der Hort der Stabilität ist. Deutschland ist im Vergleich dazu zwar bonitätsstabil wie Granit. Dennoch erfüllen selbst wir das Maastricht-Stabilitätskriterium einer auf 60 Prozent zur Wirtschaftsleistung begrenzten Staatsverschuldung nicht mehr. Bei strikter Befolgung des Europäischen Stabilitätspakts - zugegebenermaßen ist dieser inzwischen in die ewigen Finanz-Jagdgründe eingegangen - könnte Deutschland der Eurozone heutzutage also gar nicht mehr beitreten.

 

Die Zins-Baisse nährt die Kredit-Hausse

 

Nur mit dem Blick auf staatliche Verschuldungen lässt sich das Ausmaß der globalen Verschuldungskrise allerdings nur unvollständig erfassen. Auch die private Verschuldung ist ein globales Monster, das in den Kunstdünger gefallen zu sein scheint. In den USA beträgt die außer-staatliche Verschuldung bereits annähernd 50 Billionen US-Dollar. US-Konsumenten verschulden sich längst wieder mit der früher so typischen Wollust. Und wegen „money for nothing“ finanziert auch Corporate America immer mehr Übernahmen mit Schulden bzw. kauft Aktien zurück und ersetzt teure Dividendenrenditen durch billige Kreditzinsen. Amerikanische Unternehmen sind heute so hoch verschuldet wie selten zuvor.

 

Ja, die günstigen Zinsen wirken wie Backhefe auf den Verschuldungs-Kuchen. Ohne Schulden scheint der amerikanische Traum nicht mehr darstellbar zu sein. Gesamt-Amerika ist zurzeit mit dem 3,5-fachen der US-Wirtschaftsleistung verschuldet.

 

Und die ach so robusten Emerging Markets? Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt, dass sich China in einer ausgewachsenen Kreditblase befindet. Das private Kreditwachstum liege deutlich über den bereits unhaltbaren Zuständen von vor der Asienkrise 1997 und vor der US-Immobilienkrise 2008. Zur Aufrechterhaltung der Illusion der stabilitätspolitischen Tugendhaftigkeit schweigt des chinesischen Statistikers Höflichkeit in puncto Ausweisung konkreter und schockierender Schuldenstände.

 

Alles zusammen genommen liegt die globale Verschuldung beim Dreifachen des Welt-Bruttoinlandsprodukts. Somit ist der irdische Schuldenstand nicht annähernd durch weltwirtschaftliche Vermögensmasse als Sicherheit abgedeckt. Seit der Immobilienkrise 2008 hat die Weltverschuldung um ca. 60 Billionen Dollar auf jetzt 230 Billionen zugenommen. Dieser Zuwachs innerhalb von noch nicht einmal 10 Jahren entspricht dem ca. 18-fachen der deutschen Wirtschaftsleistung von 2015. Halleluja!

 

Und wird die Finanzwelt irgendwann vom Schulden-Saulus zum Tugend-Paulus? Eher glaube ich an den Weihnachtsmann oder den Klapperstorch. Beide US-Präsidentschaftskandidaten machen mit Investitionsvorhaben Wahlkampf, die nur mit neuen Schulden finanzierbar sind. So wie die alten Präsidenten sungen, so zwitschern eben auch die jungen. Und egal, ob Kreditkartenschulden, Studentendarlehen oder Baufinanzierungen, die privaten US-Schulden wachsen wie Pilze im Wald. Wegen der wirtschaftlichen Schwäche Europas, die museumshaften Industriestrukturen und politischen Zentrifugalkräften geschuldet ist, wird staatliche Neuverschuldung als Kleber zum wirtschaftlichen und EU-Zusammenhalt Europas eingesetzt. Auch in China gilt: Im Falle eines Falles klebt die Schuldenpolitik konjunkturell wirklich alles.

 

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

 

Aufgrund der exorbitanten Staatsverschuldung der Welt bei gleichzeitig verhaltener Konjunkturstärke und staatlicher Einnahmeschwäche ist ein ordentlicher und souveräner Schuldendienst durch den Staat mehr und mehr eine Illusion, die selbst ein David Copperfield nicht mehr aufrechterhalten könnte. Würde man Ländern diese eigentlich zu einem ordentlichen Kreditvertrag gehörenden Gegenleistungen dennoch „zumuten“, müsste in den Staatshaushalten radikal gespart werden. Man stelle sich vor, es würden großflächig Schulen oder Krankenhäuser geschlossen oder Sozialleistungen und Renten gekürzt. An sozialen Unruhen hat keine Regierung Interesse.

 

Wer finanziert also den Kleber für die schuldengestützte weltwirtschaftliche Stabilität? Nun, wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo die Geldpolitik daher. Die Notenbanken kaufen Schulden der Staaten und Unternehmen auf und drücken damit gleichzeitig die Kreditzinsen, damit die Finanzminister und -chefs auch morgen noch kräftig zubeißen, d.h. neue Schulden machen können.

 

Die internationalen Notenbanken als eingeschworene Bruder- und Schwesternschaft des billigen und üppigen Geldes lassen sich nicht lumpen. So sind in der Eurozone bereits über eine Billion Anleihepapiere auf Marios Resterampe gelandet. Dieses globale Wohlfahrtsamt zur Glücklichmachung von Schuldnern kauft für ca. 200 Milliarden US-Dollar Anleihen auf, monatlich! Sankt Martin könnte nicht großzügiger sein.

 

Geld- und Fiskalpolitik sind eine Schicksalsgemeinschaft auf Ewigkeit

 

Allerdings ist aus dieser zunächst freiwilligen Kauflust der Zentralbanken inzwischen ein Kaufzwang geworden. Denn private und institutionelle Anleger werden Staaten und mittlerweile auch Unternehmen nur widerwillig Schuldenpapiere mit Negativrendite abnehmen. So steht China ausländischen Schuldpapieren immer kritischer gegenüber. China will Vermögensverwaltung, nicht dessen Vernichtung.

 

Und der Kaufzwang der Geldpolitik wird noch größer, wenn durch die sintflutartige Liquiditätsversorgung die Inflation ansteigen sollte. Normalerweise würden - wie früher marktwirtschaftlich üblich - die höheren Preissteigerungsraten zum Realausgleich auf die Anleiherenditen drauf geschlagen. Dann jedoch wären die allermeisten Länder nicht mehr schuldentragfähig. Trotz Inflation muss es insofern bei „Diät-Renditen“ bleiben. Dann allerdings müssten Anleger schon ausgewachsene Masochisten sein, wenn sie bei Anleihen mit noch geringeren Realrenditen zugriffen. Die wird man aber kaum noch finden.

 

Diese allgemeine Kaufunlust wird die internationale Geldpolitik gemäß dem Motto „Patronin voller Güte, unsere Finanzwelt alle Zeit behüte“ mit Fortsetzung eines Niedrigzinsumfelds und sintflutartiger Liquiditätsversorgung ausgleichen (müssen).

 

Insgesamt haben die Zentralbanken den point of no return erreicht. Die Empfindlichkeiten unserer Schuldenwelt vertragen keinen Zinsschock mehr. Die Geldpolitik ist gezwungen, an den Kreditmärkten planwirtschaftlich für die nachhaltige Happy Hour der Schuldner zu sorgen, weil ansonsten die Schulden-Party mit dem dicksten Finanz-Kater aller Zeiten enden würde. Mit einer zins- und liquiditätspolitischen Schubumkehr würden die Notenbanken zu großen Abrissbirnen an den Anleihemärkten. Es käme zu einem weltweiten Anleihe-Crash mit allen realwirtschaftlichen Folgeschäden. Es ist ein geldpolitisches Armutszeugnis: Notenbanken können ihre eigentliche Aufgabe - die Inflationsbekämpfung - heutzutage nicht mehr wahrnehmen. Stellen Sie sich vor, Zahnärzte würden Karies und Parodontose nicht mehr behandeln.

 

Ehe eine Rückkehr zur alten geldpolitischen Normalität stattfindet, wird der neue Berliner Flughafen eröffnet.

 

Wann gibt’s mal wieder richtig Zinsen?

 

Gar nicht mehr! Außer einem billigen Plastiksparschwein werden sie am nächsten Weltspartag nichts mit nach Hause nehmen. Und je mehr den Anlegern die zinslosen Risiken bewusst werden, umso mehr müssen sie auf Sachkapital umsatteln.

 

Als sachkapitalistische Helden sollten Gold und Silber nicht ver-, sondern gekauft werden. Einen dramatischen Preisanstieg werden die Notenbanken zwar zur Verhinderung einer Ersatzwährung zu Euro, US-Dollar oder Yen verhindern. Bullenmärkte wie 1970 bis 1974, 1976 bis 1980 und 2001 bis 2011 sind vorerst leider illusorisch. Jedoch profitieren Edelmetalle in unserer vom geldpolitischen Durchlauferhitzer finanzierten Schuldenwelt von ihrer stabilen Werterhaltungsfunktion. Gold und Silber  behalten selbst im Extremfall ihre Knackfrische. Dagegen wurden Staatsschulden früher oder später - immer, ohne Ausnahme - zu Fallobst, entweder durch Hyperinflation oder durch Ausbuchung z.B. im Rahmen von Währungsreformen wie 1948 in Deutschland. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass fast 80 Prozent der Bundesbürger ihr Geldvermögen in Zinspapieren ansparen. Was für ein theoretisches Verlustpotenzial!

 

Das Gegenargument, das physisches Gold oder Silber keine Jungen in Form von Rendite bekommen, ist übrigens mausetot. Denn auch die große Alternativanlageklasse „Zinsvermögen“ leidet dramatisch unter Nachwuchssorgen.

 

Der Renditeausfall im Zinsvermögen macht ebenso Aktien zu einem Schuldenkrisen-Gewinner. Titel wie z.B. Daimler oder Siemens haben zwei Weltkriege überlebt. Qualität ist durch nichts kaputtzukriegen. Und als Sachkapitalwerte sind Aktien nicht zuletzt Inflationsgewinner. Bei Preissteigerungen, die geldpolitisch nicht mehr behandelt werden (können), werden sie angehoben wie Schiffe bei Flut.

 

Der guten alten Zinszeit und stabilen Notenbanken wie der Deutschen Bundesbank kann man nachtrauern. Auch ich vermisse sie sehr. Aber grämen wir Anleger uns nicht. Wir müssen das Beste daraus machen. Wir sollten unser Anlageverhalten frei am früheren Schlager der Spider Murphy Gang „Skandal im Sperrbezirk“ orientieren: Und wenn dich dein Zins nicht liebt, wie gut, dass es Gold und Aktien gibt!

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128

 

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Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit 1990. Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.
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