Eine Handbreit Wasser unterm Kiel

Donnerstag, 04.02.2016 19:53 von

Nach mehreren erfolglosen Versuchen ist es inzwischen den Bergungskräften gelungen, das vor der Küste Frankreichs havarierte Frachtschiff „Modern Express“ an den Haken zu nehmen und langsam von der Küste weg in den Hafen von Bilbao zu schleppen. Das Schiff hatte wegen verrutschter Ladungen Schlagseite und drohte auf Grund zu laufen. Nicht zuletzt die unruhige See, der verschobene Schwerpunkt des Schiffes und die dadurch entstandene Schieflage erinnern an die aktuellen Probleme der Notenbanken. Denn die Unternehmensnachrichten und die damit veröffentlichten Wirtschaftsdaten lassen die Kapitalmärkte nicht zur Ruhe kommen.

 

Somit bleibt den Kapitänen der Geldpolitik nichts anderes übrig als dafür zu sorgen, dass das Schiff „Wirtschaftswachstum“ zumindest - im übertragenen Sinne - immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel hat bzw. einen sicheren Hafen erreicht. Wie das zu bewerkstelligen ist, darüber haben die Notenbanken allerdings sehr unterschiedliche Vorstellungen. So hat in der vergangenen Woche die Bank of Japan (BoJ) einen Dreisatz aufgestellt, der das Motto: „Ich will ja, aber ich kann nicht wie ich eigentlich will“ widerspiegelt. Die Tatsache, dass der Weg zum negativen Zins nur mit einem Stimmenverhältnis von 5:4 beschlossen wurde, verdeutlicht dies sehr eindrucksvoll. Einmal über den Pazifik nach Amerika geschaut, muss man feststellen, dass sich die Einschätzung vieler Analysten inzwischen gewandelt hat. Noch vor wenigen Wochen hat man sich lediglich Gedanken dazu gemacht, ob die nächste von vier Zinserhöhungen bereits im März erfolgen wird. Inzwischen häufen sich die Stimmen, ob es in diesem Jahr vielleicht nur noch eine oder sogar keine Anhebung mehr geben wird.

Das ist auch der Grund, weshalb sich in diesem Frühjahr die Blicke weniger auf die amerikanische Notenbank (Fed), sondern eher auf die Vorgehensweise der Europäischen Zentralbank (EZB) richten. Ihr Präsident Mario Draghi muss dann nämlich liefern! Die auf der Pressekonferenz im Januar gemachten Andeutungen bringen ihn nun in Zugzwang. Zumal ihm nicht nur die Kapriolen an den Kapitalmärkten das Leben schwer machen, sondern sich auch das anvisierte Kreditwachstum inzwischen als Rohrkrepierer herausstellt. Doch Letzteres wird dringend benötigt und zwar anscheinend ohne Rücksicht auf Verluste! Aber die Banken können sich in der aktuellen Ertragssituation keine notleidenden Kredite leisten, da sie mächtig unter der Niedrigzinspolitik der EZB leiden und unter Druck stehen. Viele Unternehmer trauen sich aufgrund der unsicheren Konjunkturperspektiven nicht zu investieren und somit fehlen die Kreditkunden. Auch dass viele Banken aus Wettbewerbsgründen langjährige Kunden vor der Last negativer Zinsen verschonen, zehrt manchen Euro in der GuV auf. Noch funktioniert das System, da die durch die Vermögensverwaltung eingespielten Erträge zur Quersubventionierung genutzt werden können. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die Provisionen schwinden und den Banken dadurch die zum Atmen notwendige Luft abgeschnürt wird.

Dennoch es ist kein Ende dieser Zinspolitik in Sicht und so werden die Kapitalmärkte weiterhin mit Liquidität geflutet. Grundsätzlich braucht jedes Schiff, um manövrierfähig zu bleiben, mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Doch wie viel das sein muss, hängt in erster Linie von dem Tiefgang des Schiffes infolge der Beladung ab. Und genau das ist das Problem in der Eurozone. Die Schiffe sind nicht gleich, alle Gewässer unterschiedlich tief und die EZB hat nur eine Messlatte.

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Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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