Die Waffen der EZB stumpfen immer mehr ab

Samstag, 26.03.2016 13:11 von

Auch noch zwei Wochen nach der beispiellosen Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) ist die Debatte um die Sinnhaftigkeit der beschlossenen Maßnahmen in vollem Gange. Im Kampf gegen die geringe Inflation habe die Zentralbank weiter genügend Instrumente zur Hand, versicherte diese Woche EZB-Direktor Benoît Coeuré. Seines Erachtens habe bereits die jüngste Lockerungsrunde vom 10. März gezeigt, dass der Notenbank die Mittel nicht ausgingen, um das Preisniveau zu beeinflussen. Immerhin hat die EZB in den vergangenen zwei Jahren rund 800 Mrd. € neues Geld gedruckt, was den Euro um rund 20% gegenüber dem Dollar an Wert verlieren ließ.

 

Ihrem Ziel, die Inflation in Richtung 2% zu heben, ist die Zentralbank allerdings keinen Deut näher gekommen. Im Gegenteil, die Teuerungsrate ist im Februar auf minus 0,2% abgerutscht. Daher wird die Frage immer lauter gestellt, ob denn EZB-Präsident Mario Draghi allmählich die Munition ausgeht. Für Zentralbankgeld mag es kein Limit geben, aber das Angebot an Staats- und Unternehmensanleihen, das Draghi mit seinem Geld ankauft, ist durchaus begrenzt. Dadurch sind die Renditen von Staatspapieren unter die Nulllinie gerutscht. Wenn die EZB nun wie angekündigt auch noch Unternehmensanleihen ankauft, werden auch die Renditen dieser Titel in den Keller rutschen. Der Vorstandschef der Münchener Rück, Nikolaus von Bomhard, sagte dazu, ihm sei schleierhaft, wie die EZB die Anleihen auswählen wolle, von denen sie noch mehr ankaufen will. Die Zentralbank halte schon jetzt 25% aller gedeckten Anleihen und werde schon bald zehn Prozent aller europäischen Staatsanleihen halten.

Dass nun auch der eher theoretische Ansatz des sogenannten Helikoptergelds debattiert wird, mutet schon kurios an. Draghi hatte solche zielgenauen Finanzspritzen direkt von der Zentralbank an Unternehmen und Verbraucher als ein „sehr interessantes Konzept“ bezeichnet. Dagegen beschreibt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, der bereits die vorangegangenen Entscheidungen der EZB kritisiert hatte, die Option des Helikoptergeldes als ein waghalsiges geldpolitisches Experiment.

Noch deutlicher wurde der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, der die ganze Idee des „helicopter money“ für besorgniserregend, ja, für geradezu verheerend hält. Dies sei nichts anderes als eine Bankrotterklärung der Geldpolitik, sagte Issing wörtlich. Eine Notenbank, die Geld verschenkt, werde kaum mehr die Kontrolle über die Notenpresse wiedererlangen können.

Man muss sich vielmehr in der Europäischen Union klar machen, dass Geldpolitik kein Allheilmittel ist und nicht notwendige Reformen in einzelnen Ländern ersetzen kann. Dies wird offenbar vereinzelt auch bei der Notenbank so gesehen. Darauf deuten Äußerungen von EZB-Direktor Coeuré hin, der diese Woche darauf hinwies, dass die Geldpolitik der EZB nicht allein für eine nachhaltige Konjunkturerholung sorgen könne. Auch die Fiskal- und die Wirtschaftspolitik der Staaten der Eurozone stünden in der Verantwortung. Neben Wirtschaftsreformen könnten die Länder ihre Ausgaben für Investitionen sowie Forschung und Bildung erhöhen. Die EZB kann nicht ständig für die Politik die Kohlen aus dem Feuer holen. Damit wäre die Notenbank auf Dauer überfordert, was sich schon jetzt an dem Umstand zeigt, dass ihre Waffen immer stumpfer werden.

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Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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