Der Zins-Irrsinn hat ein Gesicht bekommen

Samstag, 05.03.2016 10:54 von

Als ich vor über 30 Jahren die Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert habe, da war die Finanzwelt noch in Ordnung. Damals erklärte man mir: Wenn man Geld für eine kurze Zeitspanne aufnimmt, dann zahlt man hierfür einen Zins an den Geldgeber. Und wenn man das Geld über einen längeren Zeitraum benötigt, steigt der zu zahlende Zins entsprechend. Zum Schluss kam dann noch der Hinweis, dass ein schlechter Schuldner selbstverständlich höhere Zinsen zahlen muss als ein guter. Soweit die Theorie.

Inzwischen hat sich die Welt gedreht. Das Land der aufgehenden Sonne ist ein Paradebeispiel für Auswüchse in der Finanzwelt, die noch vor Jahren unvorstellbar gewesen sind. So hat es Japan in dieser Woche erstmalig geschafft, eine Staatsanleihe mit Minuszins zu begeben. Das heißt, das Land verschuldet sich für 10 Jahre und bekommt dafür von den Gläubigern noch Geld. Auf die gesamte Laufzeit hochgerechnet, muss Japan von den an diesem Dienstag aufgenommenen ca. 2,2 Bill Yen am Ende der Laufzeit ca. 7,5 Mrd. Yen weniger zurückzahlen. Damit hat der Zinsirrsinn ein Gesicht bekommen.

Wie Japan ergeht es momentan auch anderen Ländern. Solche Marktkonditionen sind natürlich kontraproduktiv für jede nachhaltige Wende in der Haushaltspolitik. Wenn selbst Länder wie Japan, die mit einer Verschuldungsquote von 244% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Kreide stehen, so vorgehen können, dann ist das für Politiker sehr verführerisch. Zumal die Quoten von Griechenland (194%) und Italien (132%) gegenüber Nippon, so wie es in Reinhard Meys Lied „Über den Wolken“ heißt, mickrig und klein erscheinen. Ein noch besserer Indikator der Verschuldung ist allerdings der Vergleich der jährlichen Staatseinnahmen mit der Verschuldung. Hierbei kann Japan mit dem Faktor 7, die USA mit 3 und Griechenland mit ca. 4 „glänzen“. Bei Unternehmen wird in der Regel ein Faktor 3 noch toleriert. Allerdings sollte man bei dieser Betrachtungsweise nicht vergessen, dass Regierungen mittels Steuererhebungen eine Möglichkeit zur Verbesserung der Einnahmen besitzen, nach der sich jeder Finanzchef eines Unternehmens sehnt.

Doch früher oder später wird ein Umdenken der Investoren einsetzen und zu einer drastischen Wende beim Anlegerverhalten führen. Der Chef der Schweizerischen Notenbank (SNB), Thomas Jordan, wird nicht müde, auf diese Problematik hinzuweisen. Seines Erachtens wird eine Flucht in Bargeld stattfinden. Und der Umstand, dass man jetzt seitens der Europäischen Zentralbank-Vertreter die Begrenzung von Barbezahlungen diskutiert, wird von vielen als Bestätigung dieser These gewertet. Bei dieser Gelegenheit sei nochmals daran erinnert, dass in diesem Zinsspiel die Rollen der Gewinner und der Verlierer per Definition besetzt sind und sich nur noch die Frage nach der Dauer des Mitspielens stellt.

Rechtliche Hinweise/Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: www.bondboard.de/Newsletter/Disclaimer

Hinweis: ARIVA.DE veröffentlicht in dieser Rubrik Analysen, Kolumnen und Nachrichten aus verschiedenen Quellen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der jeweilige Autor.

Über den Autor

RSS-Feed
Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
Sie wollen regelmäßig über die Rentenmärkte auf dem Laufenden bleiben? Abonnieren Sie kostenlos den Newsletter "Baader Bond Markets", ein wöchentlicher Überblick über die Bond-Märkte, mit Blick auf nationale & internationale Konjunktur, Corporate Bonds und Währungsanleihen, sowie interessante Neuemissionen.
Link zur aktuellen Ausgabe
Hier abonnieren