Langfristig in Aktien investieren - Gute Idee, aber wie? So mache ich es!

Lieber Geldanleger,

ich traue es mich kaum zu schreiben, weil es wohl die größte Binsenweisheit unter allen Binsenweisheiten an der Börse ist. Das ändert aber nichts daran, dass sie korrekt ist:

Aktien kauft man dann, wenn sie günstig sind. Und günstig sind sie - in der einfachst möglichen Erklärung - wenn viele andere in Panik verkaufen, weil sie Angst vor einem Crash haben.

Diese Konstellation haben bzw. hatten wir meiner Ansicht nach im DAX zu Jahresbeginn. Die Angst vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch in China und - damit verbunden - die verheerende Baisse bei Rohstoffen, allen voran dem Ölpreis, zwangen den deutschen Leitindex in die Knie.

Die Verluste vom Allzeit-Hoch aus gerechnet (10.04.2015; 12.391 Punkte) lagen im Tief (11.02.2016; 8.699 Punkte) bei 29,8 Prozent. Ab einem Verlust von 20 Prozent vom Hoch sprechen Börsianer von einer Baisse oder einem Bärenmarkt. Knapp 30 Prozent reichen fast schon für Untergangsstimmung.

Ich habe in den vergangenen Wochen sukzessive an schwachen Tagen den DAX gekauft, über ETFs aber auch einzelne DAX-Werte. Insgesamt habe ich nun derzeit einen großen Teil meines Depots in den deutschen Top-30-Werten angelegt.

Warum der DAX? Der deutsche Leitindex hat in den letzten Jahren speziell im Verhältnis zu seinen kleineren Indexschwestern, dem MDAX, dem TecDAX und dem SDAX, relativ schwach performt.

Bedenken Sie: Die Marke von 8.000 Punkten wurde erstmals ja bereits im Frühjahr 2000 geknackt (gut, damals hatten wir eine massive Übertreibung im Zuge der Internet-/Techblase gesehen, Telekom-Aktien kosteten über 100 Euro das Stück) und dann erneut in 2007.

Wieder bedeutete die 8.000er-Marke eine vorläufige Endstation. Dass wir nun 16 Jahre nach der Jahrtausendwende diese 8.000er-Marke fast nochmals von oben getestet hätten, zeigt wie wenig "Spaß" deutsche Blue Chip-Fans in den letzten eineinhalb Dekaden hatten.

Zum Vergleich: Der MDAX hat sich seit der Jahrtausendwende ca. vervierfacht. Gut, das hängt natürlich großteils mit dem genannten Tech-Wahnsinn Ende der 90er-Jahre zusammen. Damals wollte kaum einer die vermeintlich langweiligen Werte aus dem MDAX haben, von denen viele den "alten" Industrien zuzuordnen waren, die ja durch das Internet in die vermeintliche Bedeutungslosigkeit hätten getrieben werden sollen. So dachten zumindest viele.

So kam es, dass den MDAX-Werten nur sehr niedrige Bewertungen zugebilligt wurden, die DAX-Werte aber fundamental teuer waren. Auch weil der Tech-Anteil im Index quasi zum schlechtest möglichen Zeitpunkt (Frühjahr 2000) durch die Aufnahmen von Epcos und Infineon noch erhöht worden ist.

DAX-Neulinge als chronische Underperformer

Überhaupt hatte man mit den Aufnahmen nicht das beste Händchen. Erinnert sei nur an MLP am 22.09.2003, die quasi zum Höchststand DAX-Mitglied geworden waren (ich erinnere mich noch an die gigantische Rallye im Vorfeld) und am Freitag nun mangels Erfolg sogar aus dem SDAX verbannt worden sind.

Kaum besser: "Rechtzeitig" vor der Finanzkrise wurde Ende 2005/2006 die Gewichtung der Banken erhöht (HypoVereinsbank wurde von der Unicredit übernommen, es entstand die größere und stärker gewichtete Hypo Real Estate, die dann ja während der Finanzkrise als deutsches Pendant zu den Lehman Brothers auch im Mainstream zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Im September 2006 ersetzte die Postbank dann noch Schering, die zuvor von Bayer aufgekauft worden waren).

Ende 2008 bzw. im Frühjahr 2009 mussten beide den Index nach dramatischen bzw. moderaten Kursverlusten wieder verlassen. Den Platz von Hypo Real Estate übernahm dann Salzgitter, die dann ihrerseits wieder Kursverluste verbuchten und am 21.Juni durch HeidelbergCement ersetzt worden sind. Immerhin gab es 2009 mit Fresenius und Hannover Rück auch zwei Aufnahmen, die bis dato sehr gut performt haben.

Trotzdem: Gerade in den letzten Jahren hatten ein paar im DAX hoch gewichtete Branchen wieder große Probleme. Da ist zunächst der Niedergang der Energieversorger E.ON und RWE, die beide ehemals DAX-Schwergewichte waren. E.ON war übrigens 2000 aus der Fusion der beiden damaligen DAX-Mitglieder Veba und VIAG entstanden, zwei Namen, die fast schon in Vergessenheit geraten sind.

Teilweise noch dramatischer sind die Kursverluste der Banken. Die beiden im DAX verbliebenen Banken, die Deutsche Bank und die Commerzbank gehören zu den schwächsten Performern der letzten Dekade überhaupt. Die Commerzbank hat seit ihrem Hoch im Frühjahr 2000 vernichtende 97 Prozent an Wert verloren, allerdings nur die Aktie.

Die Marktkapitalisierung sank "nur" von 24 Milliarden Euro im Hoch Anfang März auf aktuell 10,1 Milliarden Euro. Dieses Missverhältnis kommt durch verschiedene stark verwässernde Kapitalerhöhungen zustande (2007 war die Commerzbank sogar kurzfristig wieder über 24 Milliarden Euro wert, obwohl das Kursniveau aus 2000 nicht mehr erreicht worden war).

Hohe Kursverluste gab es schließlich auch noch bei den rohstoffnahen K+S bzw. Thyssen-Krupp, wobei K+S nun sogar aus dem DAX weichen muss. Der Nachfrageeinbruch bei Rohstoffen brachte die Gewinne beim Düngerhersteller und beim Stahlproduzenten enorm unter Druck.

Nicht zu vergessen auch die hoch gewichteten Versicherer Allianz und Münchener Rück sowie seit 2009 die Hannover Rück. Deren Entwicklung war zwar recht passabel, richtig durchstarten taten die Assekuranz-Aktien aber auch nicht. Die extrem niedrigen Zinsen machten und machen es für die Firmen schwer, vernünftige Renditen auf die zur Verfügung stehenden Prämienzahlungen zu erzielen. Beim Erstversicherer Allianz kommt der Niedergang der Lebensversicherung als Faktor hinzu.

Und dann gab es da ja auch noch den VW-Skandal und die Deutsche Lufthansa, deren Kranich vom Billigflieger Ryanair bildlich gesprochen regelrecht abgeschossen worden ist. Da half auch günstiges Kerosin in Folge des Ölpreisverfalls kaum. Im Gegenteil: Von günstigem Treibstoff profitieren die Iren weit mehr. Alles in allem also nicht verwunderlich, dass der DAX da nicht mit anderen Indizes mithalten konnte.

Antizyklische Chancen

Umgekehrt können sich aus solchen speziellen Konstellationen aber natürlich spannende Einstiegschancen für antizyklische Anleger ergeben. Rohstoffe werden nicht ewig unter Überkapazitäten leiden. Aktuell sind sogar schon erste Zeichen einer Wiederbelebung erkennbar. Ausgerechnet Goldminen, seit Jahren wohl mit die schlechtesten Performer an den Finanzmärkten überhaupt, marschieren derzeit vorneweg. Aber auch Öl unternimmt einen neuen Erholungsversuch.

Die VW-Aktie startet zuletzt - ungeachtet fast dramatisch rückläufiger Absatzzahlen in den USA - richtig durch und kaum weniger dynamisch entwickeln sich die Valoren der Deutschen Bank.

Das sind natürlich nur Momentaufnahmen und ob das bei den "Problembranchen" wirklich schon eine nachhaltige Trendwende bedeutet, bleibt abzuwarten. Ich bin mir aber sicher, dass sie früher oder später kommen wird, ja kommen muss, und wenn Sie warten bis die Analysten zum Einstieg blasen, ist meist der Zug längst abgefahren.

Ich jedenfalls fühle mich grad sehr wohl mit meinem Sammelsurium an unbeliebten Aktien (und natürlich auch mit starken Performern wie Fresenius, SAP, adidas oder Continental).

Auch objektiv günstig

Während die obigen Ausführungen ja eher beispielbezogen sind, gibt es auch auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen Anzeichen dafür, dass der DAX aktuell attraktiv bewertet ist. Ich beziehe mich hier auf die neue Studie von Norbert Keimling von der Starcapital AG mit dem Titel "Langfristige Aktienmarktprognose - Das Shiller-CAPE auf dem Prüfstand".

Im Zentrum steht dabei das zyklisch adjustierte KGV (CAPE, im folgenden Shiller-KGV genannt) nach Robert Shiller, auf das ich mich im Geldanlage-Report ja schon öfter bezogen habe. Dieses lag zum 31.12.2015 für Deutschland bei 18,2 und damit unter dem weltweiten Durchschnitt zu diesem Zeitpunkt von 19,5.

Da der DAX seither (Schlusskurs 30.12.2015 10.743 Punkte) nochmals deutlich gefallen ist, dürfte das Shiller-KGV aktuell rund zehn Prozent tiefer liegen, also im Bereich 16 bis 16,5. Das läge dann sogar leicht unter dem langjährigen Durchschnittswert.

MEIN FAZIT:

Antizyklische Käufe im DAX sind für Anleger mit mittelfristigem bis langfristigen Anlagehorizont sehr aussichtsreich. Es befinden sich aktuell einige Aktien aus extrem abgestrafte Sektoren im deutschen Leitindex. Möglich sind dabei sowohl Käufe via DAX-ETF (z.B. iShares Core DAX UCITS ETF; Kürzel: EXS1 / WKN: 593393) als auch der Direktkauf von DAX-Einzelwerten.

Ich bin sowohl im iShares Core DAX UCITS ETF investiert als auch in allen 30 DAX-Werten einzeln. Ich werde bei den Einzelwerten weiter an K&S festhalten und nicht auf ProSieben switchen.

Was genau es mit dem Shiller-KGV auf sich hat und wie Sie es zum Aufbau eines geographisch diversifizierten Langfristdepots nutzen können erfahren Sie im zweiten Teil des heutigen Updates.

Hinweispflicht nach §34b WpHG: Die Geldanlage-Report-Redaktion ist in folgenden Wertpapieren / Basiswerten zum Zeitpunkt des Publikmachens des Artikels investiert: Alle DAX-Werte, in etwa gleiche Gewichtung sowie iShares Core DAX UCITS ETF; Kürzel: EXS1 / WKN: 593393. Die in diesem Artikel enthaltenen Angaben stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.

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