Lässt sich die Weltwirtschaft vom Ölpreis schockieren?

Die großen Erdölproduzenten sind ausgerechnet Staaten und Firmen, die in den vergangenen Jahren viel investiert haben - etwa in Maschinen, Ausrüstung oder Infrastruktur. Wenn diesen aber nun durch den niedrigen Ölpreis die Einnahmen wegbrechen, hat das dramatische Folgen für die Weltwirtschaft. Diese Rechnung machte Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, in der „Welt am Sonntag" auf.


Seit dem Interview von Stephan hat sich der Verfall der Ölpreise weiter beschleunigt. Die Börsen in Saudi-Arabien, Katar und auch Deutschland gingen auf Talfahrt. Inzwischen denken die Investoren genau umgekehrt wie im Jahr 2015. Während man bisher den niedrigen Ölpreis als Konjunkturprogramm für die Industriestaaten angesehen hat, wird das Szenario nun als Gefahr für die Weltwirtschaft wahrgenommen, die in der Vergangenheit durchaus von der Nachfrage aus den erdölproduzierenden Ländern profitiert hatte.

Der aktuelle Preis von inzwischen unter 29 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) der Sorte Brent ist der niedrigste Stand seit 13 Jahren – ein Minus von 41% innerhalb von drei Monaten. Allein seit Jahresbeginn ist der Preis für ein Barrel der Leichtölsorte WTI um 21% eingebrochen – der stärkste Preisverfall, den es je gegeben hat. Das Finanzhaus Standard Chartered senkte sein Kursziel für Rohöl sogar auf 10 US-Dollar je Barrel.

Nun dürfte das Ende der Iran-Sanktionen, die am Wochenende aufgehoben wurden, die Situation am Ölmarkt noch verschärfen. Denn sobald im Iran die Pumpen wieder angeworfen werden, droht dies den ohnehin gefluteten Markt vollends zu ruinieren. Der Ölmarkt drohe „in einem Überangebot zu ertrinken", schreibt die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem jüngsten Monatsbericht. Schon jetzt pumpen die OPEC-Staaten jeden Tag eine Million Barrel mehr als gebraucht wird in den Markt. Auch Russland fördert so viel Öl wie nie zuvor. So rechnet die IEA für das erste Halbjahr 2016 mit einem Überangebot an Rohöl auf dem Weltmarkt von 1,5 Millionen Barrel pro Tag.

Je länger die Situation beim Erdöl andauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Pleiten im Energiesektor kommt. Auch die Gewinnwarnung von Total in dieser Woche passt ins Bild. Der französische Ölkonzern hat seine Gewinnerwartungen um 20% reduziert.

Durch ihr Engagement am Ölmarkt trüben sich dadurch auch die Aussichten für die US-Banken ein. Hauptursache sind die gestiegenen Risiken im Öl- und Gassektor. Darunter werden auch die Fracking Firmen zusammengefasst, denen bei einem derart niedrigen Ölpreis das Wasser bis zum Hals steht.

Große US-Banken wie Citigroup, J.P. Morgan und Wells Fargo haben bereits reagiert und erstmals seit geraumer Zeit ihre Rückstellungen entsprechend erhöht. Insgesamt sind 276 Mrd. US-Dollar im US-Energiesektor ausgeliehen. Die US-Notenbank Fed schätzt, dass ca.12% oder 34 Mrd. US-Dollar vom Ausfall bedroht sind. Besonders betroffen sind regionale Institute, die stark in der Fracking Industrie engagiert sind. Alles in allem, Grund genug für eine anhaltend äußerst nervöse Stimmung an den Märkten.

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Baader Bank AG
Über den Autor:
Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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