John Taylor, Manager des größten Devisen-Hedge-Fonds der Welt, FX
Concepts in New York, hält die Finanzpolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel für naiv, da ihr
das Verständnis für die Bedeutung der Märkte fehle. „Den Markt kann man nicht fesseln“, kritisierte
der Experte die Politik der Bundesregierung im Gespräch mit dem Anlegermagazin ‘Börse
Online‘ www.boerse-online.de. Nichtsdestotrotz beeindruckt ihn Merkels Wille zur Umsetzung einer
europäischen Fiskalunion und somit zur finanzpolitischen Machtverlagerung nach Brüssel. „Das
wäre der Geburtsstunde der USA gleichzusetzen“, so Taylor weiter.
Mit Blick auf die weltweiten Aktienmärkte und die Euro-Krise geht Taylor davon aus, dass sich
die Lage in der zweiten Jahreshälfte noch deutlich verschärfen wird. Im Gespräch sagte er: „Zwischen Juli und September wird es fürchterlich, sowohl an den Aktienmärkten
wie für den Euro.“ Taylor prognostiziert, dass der Euro in diesem Zeitraum möglicherweise bis auf
ein Verhältnis von eins zu eins zum US-Dollar fallen, hingegen der chinesische Yen stark an Wert
zulegen könnte. Zudem sei möglich, dass die Zinsen für US-Staatsanleihen bis Jahresende auf ein
Prozent fallen, wodurch sich die Rezession zusätzlich verschärfen würde.
Zum Jahresende rechnet Taylor zwar mit einer nachlassenden Rezession und prognositiziert für
2013 wieder steigende Aktienkurse und einen fallenden Dollar. Allerdings sieht der Finanzmarkt-
Experte darin nur die Ruhe vor dem Sturm. „2014 und 2015 wird man einen deutlichen Anstieg
der Inflation spüren, und dann kommt die Stunde der Wahrheit. Alle bis auf die Reichen werden
darunter extrem leiden“, so Taylor.
Für die turbulenten Kursbewegungen auf den weltweiten Finanz- und Aktienmärkten hat auch
John Taylor keine logische Erklärung mehr. Eine wesentliche Ursache dafür sieht er in den sich
häufig ändernden politischen Spielregeln und im wechselhaften Vorgehen vieler Regierungen. „Sie
greifen so stark in die Märkte ein, dass analytische Systeme nicht mehr funktionieren“, kritisierte
der Fonds-Manager im Gespräch mit ‘Börse Online‘. „Die meisten wussten, dass der Euro eine
Missgeburt ist, aber sie haben ihn trotzdem durchgezogen. Alle Ökonomen hatten vor ihm gewarnt.“
Darüber hinaus übe die Europäische Zentralbank (EZB) im Vergleich zu den nationalen
Zentralbanken nur einen geringen Einfluss auf die Währungspolitik in der Euro-Zone aus: „Im Vergleich
zu Jean-Claude Trichet ist Draghi fantastisch, aber als Chef der EZB kontrolliert er nicht
sehr viel“, stellte Taylor fest.
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