Die Zweifel an der Niedrigzinspolitik wachsen

Die Sorgen um die Folgen der anhaltenden Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) nehmen zu. So kommen selbst innerhalb der EZB Zweifel an der eigenen Strategie auf. Zumindest die EZB-Bankenaufsicht macht sich wegen der davon massiv tangierten Gewinnsituation der Banken in der Euro-Zone ihre Gedanken. Die geringe Profitabilität sei offensichtlich eine große Sorge für die Aktionäre der Banken, sagte die oberste Bankenaufseherin der EZB, Daniele Nouy. Längerfristig bedrohe dies den Zugang der Institute zu den Kapitalmärkten. Damit ist für Nouy klar: „Mangelnde Profitabilität beeinflusst die Stabilität der Banken.“

 

Auf der Suche nach Rendite würden die Banken nach ihrer Beobachtung inzwischen wieder mehr Risiken auf sich nehmen, was die Gefahr einer abrupten Wende berge. Auch die Bundesbank sieht insbesondere Risiken bei den Instituten, die stark auf das Kreditgeschäft angewiesen sind. Und nicht zuletzt macht sich auch die Finanzaufsicht BaFin Gedanken zum aktuellen Marktumfeld. So kommen auf die deutschen Lebensversicherer laut ihres obersten Aufsehers für die Branche deutlich höhere Sonderrückstellungen zu. 2016 werde die Zinszusatzreserve sicher nicht sinken, meinte Frank Grund, der Exekutivdirektor der BaFin-Versicherungsaufsicht, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Er rechne vielmehr mit einem „signifikanten“ Anstieg. Und nicht nur das, 2018 und 2019 käme dann noch ein „zusätzlicher Schub“ hinzu, rechnet Grund, weshalb sich die Versicherer auf eine lange Niedrigzinsphase einstellen müssten.

Um ihre Zinsversprechen aus Hochzinszeiten einlösen zu können, hatten die deutschen Lebensversicherer auf Anordnung der BaFin allein 2015 gut 10 Mrd. € zurückgestellt. Seit 2011 summiert sich diese Zinszusatzreserve damit auf 32 Mrd. €, was die Branche allmählich an ihre Grenzen bringt. „Als Medizin ist sie auch völlig richtig“, wird Grund zitiert. Sie werde aber „zunehmend anspruchsvoll“ für die Versicherer.

Mit der Politik des billigen Geldes beschäftigt sich auch der Chef der Schweizer Notenbank (SNB). So fürchtet Thomas Jordan, dass die Zentralbanken auf diese Weise ihre Handlungsfähigkeit aufs Spiel setzen. Der oberste Schweizer Währungshüter warnt vor unerwünschten Nebenwirkungen der herrschenden Geldschwemme durch die Zentralbanken. Diese könnten ihre Zinsen nicht unbegrenzt weiter senken. Daher müssten die Notenbanken das Kosten-Nutzen-Verhältnis ihrer außergewöhnlichen Maßnahmen abwägen. Die Geldpolitik müsse angepasst werden, wenn die langfristigen Kosten den kurzfristigen Nutzen übersteigen würden, sagte er in Frankfurt.  Wie Jordan ist vielen Bankern sehr wohl klar, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem eine massive Flucht ins Bargeld einsetzen wird.

Indessen malt auf der anderen Seite des Erdballs mit Takeshi Fujimaki ein prominenter japanischer Banker das Gespenst der Hyperinflation als Folge einer verfehlten Notenbankpolitik an die Wand. Das Land sitze auf einem Schuldenberg und der sei von der japanischen Notenbank Bank of Japan (BoJ) finanziert worden, lautet sein Vorwurf. Der Fehler der Bank of Japan hat nach Fujimakis Überzeugung darin bestanden, zuerst die Märkte mit Geld zu fluten und dann Negativzinsen zu erheben, welche die Banken für das Geld zahlen müssen, das sie von der Zentralbank erhalten haben. Seine Sorge: Im Fall einer Zinswende wird das System kollabieren. In Europa war es zwar umgekehrt, denn dort wurden zuerst die Zinsen gesenkt und dann die Märkte geflutet. Aber dennoch gilt für beide Notenbanken: Ein Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes wird immer schwerer, weil sich die beiden Notenbanken, EZB und BoJ, zunehmend selbst behindern.

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Baader Bank AG
Über den Autor:
Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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