Hollywood an der Spree - Artur Brauners Filmfirma wird 70

Freitag, 23.09.2016 07:56 von

BERLIN (dpa-AFX) - Daran erinnern sich Artur Brauner (98) und seine Tochter Alice (50) noch ganz genau. Romy Schneider saß im Wohnzimmer der Familienvilla im Berliner Grunewald und war todunglücklich. Sie flehte den Filmproduzenten an. "Artur, ich muss arbeiten. Ich werde sonst verrückt!", habe sie zu ihm gesagt. Das war kurz nachdem die Schauspielerin ihren Sohn bei einem tragischen Unfall verloren hatte. In Brauners Berliner CCC-Filmstudios entstand dann Romy Schneiders letzter Film: "Die Spaziergängerin von Sans-Souci" (1982) - ein Welterfolg. "Alles was sie verkörpert hat, war glaubwürdig", sagt Brauner.

Vor 70 Jahren gründete der Holocaust-Überlebende Artur Brauner seine Berliner Central Cinema Company (CCC). Dort drehten neben Romy Schneider auch Stars wie Maria Schell, Curd Jürgens, Sonja Ziemann, Heinz Rühmann, O.W. Fischer, Peter Alexander und Caterina Valente. Heute entstehen in den Haselhorster Filmstudios Fremd- und Eigenproduktionen wie "Auf das Leben!", "Sein letztes Rennen" und "Er ist wieder da", Serien wie "Götter wie wir" und "Wolffs Revier".

"Wir sind die älteste, noch aktiv produzierende Filmfirma Deutschlands, die unabhängig ist", sagt Alice Brauner, die das Lebenswerk ihres Vaters fortführt und gleichzeitig Neues wagt. Zwei große Filmprojekte plane sie derzeit. In der Regie von Dominik Graf ("Im Angesicht des Verbrechens") soll "Der Golem" neu verfilmt werden - mit Schauspielern wie Bruno Ganz, Hannelore Elsner, Max Riemelt und Hannah Herzsprung. "Crescendo" von Marcus O. Rosenmüller werde von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra inspiriert sein, in dem junge israelische und arabische Musiker gemeinsam spielen.

Bis heute entstanden bei der CCC mehr als 700 Filme. Dazu gehören Klassiker wie "Der brave Soldat Schwejk", "Der Tiger von Eschnapur" "Mädchen in Uniform" und "Die Ratten". Brauner gilt neben Produzent Horst Wendlandt auch als Vater der Karl-May-Filme. Von "Der Schut" bis "Old Shatterhand" mit Lex Barker und Pierre Brice verfilmte er in den 60er Jahren zahlreiche der Abenteuerromane.

Artur Brauner arbeitet zuhause auch noch mit 98 Jahren stets bis tief in die Nacht hinein, diktiert Ideen und Anweisungen. Erst gegen 12 oder 13 Uhr steht der alte Herr mit dem Menjou-Bärtchen auf und isst dann mit seiner Frau Maria. In diesem Jahr feiern sie ihren 70. Hochzeitstag. Einmal in der Woche kommt Brauner auch noch in sein Büro, das im Stockwerk über dem seiner Tochter liegt. "Der Unruhestand bleibt", sagt er.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der im polnischen Lodz als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geborene Brauner, der im Holocaust 49 Verwandte verlor, ausgerechnet in das Land der Täter. Von den Berlinern liebevoll "Atze" genannt, schuf er 1946 mit der CCC praktisch aus dem Nichts ein florierendes Unternehmen für erfolgreiche Unterhaltungsfilme. Er war alles in einem: Produzent, Autor, Atelierchef, Dramaturg, Besetzungsboss und Buchhalter. Die CCC-Studios in Berlin-Spandau waren ein kleines Hollywood in Deutschland.

Doch Brauner ist bis heute auch ein unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen. Auf seiner Flucht sah er in der Ukraine ein Massengrab mit ermordeten Juden. "Ich komme näher und da liegt ein 10- oder 12-jähriger toter Junge mit offenen Augen. Ich hatte das Gefühl, er schaut mich an und redet mit mir: "Was suchst du hier? Wir sind alle tot. Hilf' uns leben. Ihr sollt uns nicht vergessen!"" Da habe er ein Gelübde abgelegt. So lange er leben werde, werde er dies nicht vergessen - und nur durch Film könnten Schicksale wie das des Jungen nicht vergessen werden.

24 Filme über die Verbrechen der Nazis hat er - und in den vergangenen Jahren auch seine jüngste Tochter Alice - produziert. Dazu gehören "Morituri" (1948), "Hitlerjunge Salomon" (1989), "Babij Jar" (2003), "Der letzte Zug" (2006) und "Wunderkinder" (2011). "Ich lebe manchmal stundenlang in der Vergangenheit", sagte Brauner einmal. Oft habe er Alpträume, so der Filmmogul.

Zum 70-jährigen Bestehen wurden die Filmstudios saniert, die drei Hallen bekamen die Namen "Atelier Romy Schneider", "Atelier Curd Jürgens" und - die größte - "Atelier Artur Brauner". An diesem Freitagabend sollte das Jubiläum gefeiert werden - ein rauschendes Fest mit viel Prominenz. "Bei Brauners steht auf jedem Tisch eine Wodka-Flasche", so Alice Bauner augenzwinkernd./evo/DP/fbr