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HINTERGRUND: Trump-Wahl lässt Zinsen steigen - Banken und Versicherer hoffen

Samstag, 19.11.2016 10:05 von

FRANKFURT (dpa-AFX) - Steigende Zinsen - wie wäre das schön! Seit Jahren schimpfen Manager von Banken und Versicherungskonzernen auf die Billiggeld-Politik der Zentralbanken. Während sich Unternehmen und Häuslebauer über günstige Kredite freuen, sieht das bei Banken, Versicherern und risikoscheuen Anlegern ganz anders aus. Die klassische Lebensversicherung und das Sparen auf dem Konto sind kaum noch attraktiv. Ausgerechnet die Entscheidung der US-Bürger für Donald Trump als Präsidenten könnte nun die Wende einläuten. Kurz nach der Wahl gibt es Hoffnungsschimmer - und Fragezeichen.

Auf den Paukenschlag bei der Präsidentenwahl folgte die Überraschung an den Finanzmärkten. Nicht nur mit Trumps Wahlsieg hatten die wenigsten gerechnet - auch die Reaktion an den Finanzmärkten fiel ganz anders aus als gedacht. Die Aktienkurse in Europa legten nach dem ersten Schock sogar zu, an der Wall Street ging es direkt aufwärts. Und die Renditen für Staatsanleihen zogen sogar kräftig an.

Experten rechnen unter Trump mit einem Anstieg der Staatsausgaben. "Dann wird es wahrscheinlich wieder mehr Inflation und höhere Zinsen geben", zeigt sich der Finanzchef von Europas größtem Versicherer Allianz (Allianz Aktie), Dieter Wemmer, optimistisch. So könnte sich die US-Notenbank Fed in ihrer eingeleiteten, aber zwischenzeitlich bezweifelten Zinswende bestärkt sehen - und andere Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) mit sich ziehen. Für Versicherer in Europa wäre das im Prinzip eine gute Sache - vor allem, wenn es nicht zu schnell geht. "Ein leichter, milder Zinsanstieg wäre sicher besser für uns", sagt der Chef des deutschen Versicherers Talanx (Talanx Aktie) (HDI, Neue Leben), Herbert Haas.

Ein plötzlicher Zinsanstieg würde die stillen Reserven in den Bilanzen der Versicherer schmelzen lassen, die durch Kursgewinne vor allem bei älteren, hochverzinsten Staatsanleihen entstanden sind. Diese Reserven helfen derzeit vielen deutschen Lebensversicherern, denn sie stocken mit dem Verkauf solch hochbewerteter Papiere ihre Zinszusatzreserve auf. Diese sichert die hohen Garantien bei älteren Lebensversicherungsverträgen ab, in denen die Versicherer ihren Kunden noch bis zu vier Prozent Zinsen versprochen hatten.

"Einen Anstieg des Zinsniveaus um einen Prozentpunkt dürften die meisten Versicherer aber gut verkraften", schätzt ein Branchenexperte. Wenn der Anstieg von Dauer ist, könnten sie im Gegenzug mit höheren Zinserträgen rechnen. "Auch wenn wir uns ein paar Basispunkte nach oben entwickeln, löst das nicht das Problem mit den bestehenden, hochverzinsten Verträgen." Selbst wenn deutsche Staatsanleihen bald wieder 1,5 Prozent Zinsen brächten, würde zwischen den laufenden Erträgen und der Garantieverzinsung der meisten Verträge noch eine große Lücke klaffen.

Bei der Deutschen Bank haben die Spekulationen über Trumps Politik bereits dem gebeutelten Aktienkurs auf die Sprünge geholfen. Neue Weichenstellungen, so glauben die Analysten der britischen Bank Barclays, könnten für den deutschen Branchenprimus eigentlich nur gut sein. Sollte Trump die Regeln für Banken in den USA lockern, dürfte die Deutsche Bank (Deutsche Bank Aktie) mit ihrem umfangreichen Geschäft dort profitieren.

Schon fast eine Binsenweisheit ist es, dass höhere Zinsen den Banken helfen. Denn dann können sie die Margen - also den Unterschied zwischen den Zinsen für geliehenes und verliehenes Geld - erhöhen. Zudem könnte ein wieder belebter Anleihehandel den Erträgen im Investmentbanking gut tun. Schließlich ist die Deutsche Bank in diesem Bereich trotz aller Sparanstrengungen immer noch einer der größten Akteure weltweit.

In anderen Branchen dürfte der jüngste Zinsanstieg für weniger Freude sorgen. So könnte sich die 66 Milliarden US-Dollar schwere Rekord-Übernahme des US-Saatgutspezialisten Monsanto durch den deutschen Pharma- und Pflanzenschutzkonzern Bayer (Bayer Aktie) merklich verteuern.

Bei den Banken steht ein Kredit in Höhe von rund 57 Milliarden Dollar. Diesen will Bayer-Chef Werner Baumann - je nach Marktlage - möglicherweise schon vor Abschluss der Transaktion Ende 2017 refinanzieren. Würde Bayer - wie geplant - etwa zwei Drittel mit Unternehmensanleihen stemmen, würde ein Zinsanstieg um einen Prozentpunkt die Finanzierung rechnerisch um 380 Millionen Dollar (Dollarkurs) pro Jahr verteuern. Das wäre selbst für den Dax-Konzern kein Pappenstiel./stw/enl/jha/bgf/fbr/stk/fbr

--- Von Steffen Weyer, Erik Nebel und Johannes Haller, dpa-AFX ---