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Experten überrascht von Opec-Einigung - Skepsis überwiegt

Donnerstag, 29.09.2016 13:46 von

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Mitgliedsstaaten der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) haben sich nach langem Ringen auf eine Obergrenze bei der Fördermenge geeinigt und damit nahezu alle Experten überrascht. Die Tatsache, dass die neue Obergrenze sogar unter dem aktuellen Förderniveau liegt, hatte kaum ein Beobachter für möglich gehalten. Aber auch nach der Einigung vom späten Mittwochabend überwog am Donnerstag bei Rohstoffexperten in ersten Einschätzungen die Skepsis. In der Vergangenheit hatte sich immer wieder gezeigt, dass sich einzelne Mitgliedsstaaten des Kartells kaum an vorgeschriebene Quoten gebunden fühlen.

Rohstoffexperten der US-Investmentbank Goldman Sachs (Goldman Sachs Aktie) haben berechnet, was eine strikte Umsetzung der Vereinbarung für die weitere Entwicklung der Ölpreise bedeuten würde. Sollte die Fördergrenze in der ersten Hälfte 2017 strikt eingehalten werden, dann könnte dies die Ölpreise um 7 Dollar (Dollarkurs) bis 10 Dollar steigen lassen, schrieben die Analysten Damien Courvalin und Jeffrey Currie in einer Einschätzung. Zuletzt seien Förderquoten aber nur bei einer sinkenden Nachfrage eingehalten worden, schränkten die Goldman Sachs-Experten ein.

"Die überraschende Einigung sollte nicht überbewertet werden", schrieben auch Experten der Privatbank Metzler. Nach jahrelangem Streit innerhalb der Opec dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass die Funktionsweise des Ölkartells wieder uneingeschränkt hergestellt sei. Außerdem können die Ergebnisse des Treffens der Opec-Länder auf einer Ölkonferenz in der algerischen Hauptstadt Algier nicht verhindern, dass es nach wie vor ein Überangebot auf dem Ölmarkt gibt.

Unter anderem sorgen der wichtige Ölförderer Russland und die Fracking-Industrie in den USA dafür, dass es auf dem Ölmarkt über lange Zeiträume mehr als genug Öl (Rohöl) gibt. Sollte das Ziel einer spürbaren Reduzierung des Angebots weltweit angestrebt werden, müssen neben der Opec auch andere wichtige Akteure im Ölgeschäft eingebunden werden.

Von einer umfassenden Einigung, die auch Länder außerhalb der Opec mit einbezieht, sind die Förderländer aber weit entfernt. Selbst die Einigung innerhalb der Opec wird vom Rohstoffexperten Eugen Weinberg von der Commerzbank (Commerzbank Aktie) überaus skeptisch gesehen. In der Opec seien beschlossene Fördergrenzen in der Vergangenheit immer wieder missachtet worden. Die Einigung auf Fördergrenzen in Algier ist daher für Weinberg "lediglich Theorie". "In der Praxis sind wir überzeugt, dass sich die Opec-Länder nicht an die Vereinbarung halten werden", sagte der Commerzbank-Experte.

Und generell gilt: "Die Rückkehr zur alten Opec-Strategie der Preiskontrolle über die Mengen wird nicht mehr aufgehen", zeigte sich Weinberg überzeugt. Dafür gibt es am Markt einfach zu viele Akteure. Und die Erfahrung der Vergangenheit hat gezeigt: Auch der massive Preisrutsch im vergangenen Jahr hat es nicht geschafft, die Konkurrenten des Ölkartells aus dem Markt zu drängen./jkr/jsl/stb