Der lange Zyklus setzt sich fort

Mittwoch, 11.01.2017 09:01 von

New York (GodmodeTrader.de) - Andrew Wilson, CEO für EMEA und Co-Head des Global Fixed Income und Liquidity Management Teams bei Goldman Sachs Asset Management, erwartet für 2017 eine Fortsetzung desselben langen Zyklus, von dem er bereits Anfang 2016 ausging. Der wichtigste Unterschied für das Jahr 2017 besteht seiner Meinung nach in vier sich abzeichnenden Veränderungsprozessen:

1. Die Globalisierung wird vom wachsenden Populismus herausgefordert, was weitere Risiken heraufbeschwört. 2. Statt Sorgen um geringes Wachstum richtet sich der Fokus auf die steigende Inflation. 3. Nach Jahren der Fokussierung auf die Geldpolitik rückt nun die Fiskalpolitik stärker ins Blickfeld. 4. Die Bedenken im Hinblick auf neue Regulierungsvorschriften schwinden und es besteht Hoffnung auf mehr Deregulierung.

Die größte Veränderung im gegenwärtigen Umfeld ist das Abrücken vom omnipräsenten Globalisierungstrend, der mit immer größeren grenzüberschreitende Handelsflüssen einherging. Nach Jahren des verlangsamten Wirtschaftswachstums und steigenden Wohlstandsgefälles ist die Unterstützung für Parteien mit populistischeren Botschaften – häufig ausgerichtet auf eine lockerere Fiskalpolitik, Einwanderungsreformen und/oder eine protektionistische Handelspolitik – in den vergangenen Jahren konstant gestiegen, wie Wilson in einem aktuellen Investmentausblick schreibt.

Der Populismus habe 2016 mit der Entscheidung Großbritanniens für den Austritt aus der Europäischen Union und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten zwei wichtige Siege verbuchen können. Angesichts ihrer potenziellen Auswirkung auf Europa und der erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass die Handelspolitik stärker von Protektionismus geprägt werde, werde man die Entwicklung populistischer Trends im Jahr 2017 genauestens beobachten, heißt es weiter.

„Unser letztjähriger Ausblick war geprägt von geringer Inflation und nominalem Wachstum. Bereits damals zeichnete sich ab, dass bei beiden Faktoren höhere Kennzahlen erwartet werden. Für 2017 ist von weniger Sorgen bezüglich einer potenziellen säkularen Stagnation auszugehen. Stattdessen dürfte in den USA ein Paradigmenwechsel zugunsten eines stärker von der Inflation geprägten Systems zu beobachten sein“, so Wilson.

Die Inflationstendenzen und Wahrscheinlichkeit einer restriktiveren Geldpolitik als Gegenreaktion legten nahe, dass die Zinssätze in den USA 2017 weiter steigen würden. Die verschiedenen Sektoren am Aktienmarkt dürften unterschiedlich auf ein Umfeld steigender Zinsen und höherer Inflation reagieren. Finanztitel sollten sich überdurchschnittlich entwickeln, während sich Aktien, die in der Vergangenheit höhere Erträge oder geringere Volatilität auswiesen, möglicherweise schwächer entwickelten als der breite Aktienmarkt. Dazu zähle man u.a. Versorger oder nichtzyklische Konsumgüter. Auch Real-Estate-Investment-Trusts könnten unter Druck geraten. Es sei jedoch von einer teilweisen Kompensierung auszugehen, da eine steigende Inflation zu höheren Mieten führe - im Gegensatz zu den negativen Auswirkungen, die eine Inflation aufgrund steigender Herstellungskosten auf nichtzyklische Konsumgüter haben könnte, heißt es weiter.

„Die Divergenzen in der Geldpolitik dürften im kommenden Jahr nochmals extremer werden. Unserer Einschätzung nach wird die US-Notenbank die Zinssätze mindestens zweimal erhöhen, während die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan weiter die Grenzen der Lockerungsfähigkeit ihrer Politik austesten werden. Obwohl sich das Wachstum auf beiden Seiten des Atlantiks weiter schleppend vollzieht, verlagert sich der Schwerpunkt aus zwei Gründen hin zu höheren Staatsausgaben: einerseits als Gegenreaktion auf die jahrelange Sparpolitik, andererseits aufgrund der Erkenntnis, dass es Infrastrukturverbesserungen bedarf. Diese Veränderung könnte für einen besseren Politikmix sorgen, der das Wachstum und die Unternehmensgewinne stützt. Möglich ist allerdings auch, dass Verschuldung und Inflation in die Höhe schnellen und eine höhere Volatilität bei Industrie- und Schwellenländeranlagen entsteht“, so Wilson.

Er sei überzeugt, dass die geringe Inflation in Europa und die andauernden EZB-Anleihekäufe die Bundesanleihen weiter unterstützen würden. Im Vergleich zu den USA könnte die abweichende Geldpolitik zudem den Euro in die Parität mit dem US-Dollar treiben. Ebenso wie die Schwellenländer, die am stärksten unter dem Wandel der Fed-Politik litten, seien die schwächeren Volkswirtschaften am Rande Europas einer volatilitätsbedingten Erhöhung der Kreditkosten ausgesetzt. Allerdings hätten einige der schwächeren Schwellenländer ihr gegenwärtiges Leistungsbilanzdefizit mittlerweile reduziert und dürften nun eher in der Lage sein, Belastungen standzuhalten. Die Politik der BoJ, die darauf ziele, die Zinskurve in Japan zu kontrollieren, werde vermutlich den Abwärtsdruck auf den Yen aufrechterhalten, heißt es weiter.

„Dennoch sehen wir ein geringes Abwärtspotenzial für Renditen auf japanische Staatsanleihen. Aus quantitativer Sicht hat die geldpolitische Lockerung die Bewertungen von Aktien- und Anleihe-Portfolios auf ein hohes Level gehievt, doch die Unterschiede in diesen Märkten bleiben historisch gesehen groß. Da sich die Geldpolitik in Richtung fiskalpolitische Lockerung entwickelt, wird sich diese Streuung 2017 potentiell verringern, wovon wertorientierte Anlagestrategien profitieren könnten“, so Wilson.

Die Aussicht bevorstehender höherer Staatsausgaben habe bereits einige Aufmerksamkeit erregt. Dabei könnte ein Deregulierungsschub sogar noch stärkere Auswirkungen auf das Wachstum und die Märkte im Jahr 2017 haben. So zielten die von Donald Trump in den USA vorgeschlagenen Gesetzesänderungen auf einen verbesserten Kapitalzugang und den Abbau von Barrieren für Geschäftsgründungen ab. In Europa sei die Unterstützung der Unternehmen zugunsten des Brexits von der Sorge über eine ausufernde Regulierung getragen worden. Zudem hätten europäische Finanzinstitute begonnen, sich gegen die Regulierungswelle nach der Krise aufzulehnen. Währenddessen sei China weiterhin auf der Suche nach dem richtigen Mix aus Regulierung und Stimulierung, mit dem Strukturreformen vorangetrieben und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum aufrechterhalten werden solle. Man werde daher das Ausmaß der Regulierungsdivergenz in der globalen Wirtschaft und das Potenzial für eine Deregulierung des Wettbewerbs genauestens im Auge behalten, heißt es weiter.

„In den USA dürften Änderungen der bestehenden Finanzgesetzgebung das Kreditwachstum anregen und Probleme aufgrund schwieriger Finanzierungsbedingungen lindern. Diese hatten sich aus höheren Zinsen und einer stärkeren Währung ergeben. Eine Lockerung des Regulierungskorsetts dürfte zudem das Kreditwachstum in Europa ankurbeln. Die Nachfrage nach Unternehmens- und Haushaltskrediten dürfte schwach bleiben und wir gehen davon aus, dass sich beim Wachstum und der Inflation auch 2017 keine Aufwärtsdynamik entwickeln wird. In Großbritannien erwarten wir – unabhängig davon, in welche Richtung sich die Regulierung entwickelt – dass sich der Trend steigender Compliance-Kosten in nächster Zeit fortsetzen wird. Zusammen mit schwachen Wachstums- und Inflationsaussichten im Zuge der sich abzeichnenden Auswirkungen des Brexit wird dies die Rentabilitätsaussichten belasten“, so Wilson.