Vergiftete Steueratmosphäre

08:00 19.07.12

Unternehmen und Aktionäre bilden eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Wer dem Fiskus entflieht, heimst Vorteile ein, wer ihm treu bleibt, wird bestraft.

Wieder einmal taucht eine CD mit sensiblen Daten deutscher Steuerflüchtlinge auf, Bild ist dabei, der RTL-Ableger n-tv mischt hurtig mal eben eine Sondersendung aus Interviews mit alten Bekannten zusammen, die nicht minder bekannte Stellungsnahmen für mehr Steuergerechtigkeit abgeben, und neben Franz Beckenbauer huscht Boris Becker durchs Bild, dem wegen seiner Finca auf Mallorca von den dortigen Behörden gerade der Garaus gemacht wird.

Man stelle sich nun deutsche Durchschnittsbürger vor, über denen diese Mixtur aus mehr oder weniger weichen Fakten und sensationsheischenden Meinungen zusammenbricht. Sie werden ohne Zweifel für höhere Steuern plädieren und dass man den Reichen zugunsten der rechtschaffenen Allgemeinheit möglichst viel abnehmen sollte - außer vielleicht Kaiser Franz, der werben kann, wofür er will, von Suppen aus der Tüte bis zu russischem Erdgas, und der trotzdem noch viel Sympathie genießt.

Klassenkampf mit blankem Unsinn

Eben solche für höhere Steuern plädierenden Bundesbürger als seine kommenden Wähler muss Möchtegern-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Auge gehabt haben, als er am 2. April im Handelsblatt die beiden folgenden Sätze losließ: Die Kapitalbesteuerung ist sensationell niedrig im internationalen Bereich, gemessen am Durchschnitt der EU. Und sie schafft ein zunehmendes Missverhältnis zwischen der Besteuerung von Kapital und Arbeit.

Wer da noch an einen verspäteten Aprilscherz gedacht haben mag (der 2. April war ein Montag), sah sich beim weiteren Lesen des Interviews enttäuscht. Denn Steinbrück, auf die Abgeltungsteuer von 25 Prozent (plus Soli und Kirchensteuer) angesprochen, antwortete klassenkämpferisch: Wer Kapitaleinkünfte hat, hat deutlich höhere Einkommenszuwächse als diejenigen, die mit ihren Händen oder ihrem Kopf arbeiten.

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