GESAMT-ROUNDUP/Anfahren gegen den Abschwung: Nutzfahrzeug-Welt bleibt gespalten

16:16 18.09.12

HANNOVER (dpa-AFX) - Die Aussichten für Europas Nutzfahrzeugbauer scheinen ungewisser denn je. Die schwere Absatzkrise in der Heimat schraubt die Bedeutung der wichtigen Wachstumsmärkte in Übersee nach oben. Das wird je nach Aufstellung zum Vor- oder Nachteil. Nach einer vielversprechenden Aufholjagd zum Ende der Weltwirtschaftskrise wagt die Branche daher zum Auftakt ihrer internationalen Leitmesse IAA in Hannover bestenfalls verhalten optimistische Prognosen.

Der von Europa eher unabhängige Branchenprimus Daimler (Daimler Aktie) ist trotz schwankender globaler Märkte nach zwei Dritteln des laufenden Jahres mit einem klarem Plus unterwegs. In den ersten acht Monaten 2012 seien ein Fünftel mehr Laster als im Vorjahreszeitraum verkauft worden, teilte der Konzern zum Start der IAA-Medientage mit. "Starke Märkte können auf globalem Niveau schwächere ausgleichen", sagte Spartenchef Andreas Renschler. Die gesamtwirtschaftliche Anspannung in Südeuropa treffe Daimler dank des starken Nordeuropa-Absatzes weniger.

KEINE PROGNOSE

Eine Prognose für 2013 wagte der Daimler-Manager nicht. Auf lange Sicht sagte er der Branche aber gute Zukunftsaussichten voraus. "Für das Jahr 2020 wird ein Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsprodukts um rund 30 Prozent im Vergleich zu heute erwartet. Und wenn die Wirtschaft wächst, steigt bekanntlich auch der Transportbedarf." Mit einem windschnittigen Sattelschlepper samt maßgeschneidertem Auflieger will Daimler einen besonders sparsamen Lastwagenzug auf die Straße bringen. Auch andere Anbieter erhoffen sich von umweltfreundlichen Technologien zusätzlichen Umsatz.

Die Nutzfahrzeug-Tochter von Volkswagen (Volkswagen Vz Aktie) (VWN) kann derweil auch gegen den Trend einer bröckelnden Nachfrage in vielen Ländern West- und Südeuropas weiter zulegen. Bis Ende August lieferte sie 362.200 Modelle aus. Das waren 5,6 Prozent mehr als in den ersten acht Monaten des Vorjahres, wie Markenchef Eckhard Scholz berichtete.

BANGEN UM WEITERE ENTWICKLUNG

Dabei erhöhte VWN auch in westeuropäischen Ländern die Verkäufe leicht: Sie stiegen um 2 Prozent auf 189.000 Lieferwagen, Transporter und Pickups. "Aber wir sind uns bewusst, dass die kommenden Monate schwieriger und fordernder werden können", schränkte Scholz ein. Auch VWN setzt mittel- bis langfristig auf ergänzende Elektroantriebe.

Die VW-Tochter MAN (MAN St Aktie) bangt angesichts der Absatzkrise auf Europas Nutzfahrzeugmärkten um die weitere Entwicklung. Insgesamt sieht sich das Unternehmen aber gegen Einbrüche gewappnet: "Die augenblickliche Situation ist gemischt", sagte der neue Chef der MAN-Lastwagensparte, Anders Nielsen. Regionen wie der Nahe Osten oder Russland könnten die schwache Nachfrage in Südeuropa nur teils auffangen.

DYNAMISCHE VERKÄUFE

"Wir erwarten aber, dass die bevorstehenden Jahre in Europa dynamisch werden", betonte Nielsen. Bis Ende August hätten die weltweiten Verkäufe zwischen 90.000 und 100.000 Lastwagen und Bussen gelegen, berichtete Vertriebschef Frank Hiller. Es gebe allerdings Unsicherheiten, ein Rückgang des Absatzes sei denkbar. Die Euro-Schuldenkrise und Probleme auf dem für MAN traditionell wichtigen Markt Südamerika hatten den Münchnern im zweiten Quartal in finanzieller Hinsicht bereits ins Fleisch geschnitten.

Dagegen ist der Lkw- und Maschinenbauspezialist in den Vereinigten Staaten, wo die Konkurrenten Daimler und Volvo zuletzt zulegten, nicht vertreten. Dort gebe es noch "viel unerschlossenes Potenzial", sagte Nielsen. "Momentan haben wir aber keine konkreten Pläne, wir führen keine Verhandlungen." Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, die VW-Gruppe könne sich in Nordamerika zum Beispiel mit dem Anbieter Navistar verstärken und damit vor allem Daimler die Stirn bieten.

GEMISCHTE STIMMUNG BEI ZULIEFERERN

Andere Konkurrenten sehen derweil selbst im kriselnden Westeuropa noch Luft nach oben. So will der niederländische Lkw-Bauer DAF Trucks seine Position auf dem europäischen Markt in den kommenden Jahren ausbauen. Das Unternehmen will seinen Marktanteil in Europa von aktuell 16 auf 20 Prozent steigern. DAF Trucks ist eine hundertprozentige Tochter des nordamerikanischen Unternehmens Paccar.

Auch bei den Zulieferern ist die Gefühlslage eher gemischt. Continental (Continental Aktie) beurteilt die Situation ähnlich wie viele: "Europa bleibt schwach, eher auf Stagnation und insgesamt rückläufig. Vor allem für Nordamerika, aber auch für Asien unterstellen wir dagegen nach wie vor Wachstum", sagte Conti-Reifenvorstand Nikolai Setzer der dpa.

SPRIT SPAREN

Daneben setzt der Konzern auf neue Umwelttechnologien: In einem neuen Recyclingwerk sollen gebrauchte Bus- und Lkw-Reifen auf Vordermann gebracht werden. Mehr als zehn Millionen Euro will Conti in die Kombination aus Recycling- und Produktionsstätte investieren, in der von 2013 an über 100 Arbeitsplätze entstehen sollen.

Mit spritsparenden Technologien für Nutzfahrzeuge will auch der weltgrößte Autozulieferer Bosch den schwächelnden Märkten in Europa und China trotzen. So arbeiteten Entwickler an einem Hybridantrieb für Laster, die mehr als zwölf Tonnen wiegen. Er soll bis zu sechs Prozent Kraftstoff sparen und bis spätestens 2020 auf dem Markt sein./loh/jap/ted/mmb/hd/DP/stb

Quelle: dpa-AFX