LB Baden-Württemberg - Edelmetalle: Dürre in den USA könnte Goldnachfrage belasten

17:41 27.07.12

Stuttgart (www.aktiencheck.de) - Nach immer neuen Höhenflügen in den vergangenen Jahren befindet sich Gold 2012 in einem Bärenmarkt, so die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg.

Den Wendepunkt habe das bisherige Allzeithoch bei 1.920 USD am 06.09.2011 markiert. Seitdem habe sich das Edelmetall unter großen Schwankungen verbilligt. In den letzten Wochen habe sich der Goldpreis jedoch um die Marke von rund 1.580 USD je Feinunze eingependelt, bevor er am Donnerstag nach Äußerungen von EZB-Chef Draghi durchgestartet sei. Da die europäische Gemeinschaftswährung seit Spätsommer letzten Jahres gegenüber dem USD deutlich abgewertet habe, habe der Goldpreis auf Euro-Basis nicht nennenswert nachgegeben, sondern habe sich seitwärts entwickelt.

Auf den ersten Blick erscheine der Rückgang des Goldpreises erstaunlich, da die europäische Staatsschuldenkrise in den letzten Monaten - von kurzen Verschnaufpausen abgesehen - weiter eskaliert sei. Darüber hinaus hätten sich auch Befürchtungen vor einer Wachstumsabschwächung in den USA und in China breitgemacht. Auf den zweiten Blick bestünden jedoch mehrere Gründe für den Rückgang der Notierungen: Einerseits hätten sich viele Anleger bereits in den Jahren seit 2008 mit Gold eingedeckt. Aufgrund der Preissteigerungen bestünden für diese Positionen Buchgewinne und durch die gestiegenen individuellen Goldquoten an den Vermögensanlagen würden sich weitere Zukäufe erübrigen. Zwar werde auch hierzulande weiterhin Gold zu Anlagezwecken hinzugekauft.

Insbesondere seit Juni sei ein leichter Anstieg feststellbar. Aber schon in der Vergangenheit seien die Käufe mit jeder neuen Krisenwelle etwas geringer ausgefallen. Zum anderen sei das Edelmetall insbesondere bei institutionellen Investoren weniger als "sicherer Hafen", sondern mehr als risikobehaftete Anlage betrachtet und deshalb in Phasen mit zunehmender Unsicherheit abgestoßen worden. Für diese Marktteilnehmer hätten im 1. Halbjahr vor allem der US-Dollar als Fluchtwährung und sichere Staatspapiere wie Bundesanleihen avanciert. Deren Rendite sei bei Titeln mit einer Laufzeit von zehn Jahren zuletzt auf nur noch 1,16% gesunken. Zweijährige Titel würden sogar eine Negativrendite aufweisen.

Ein weiterer Grund für die verhaltene Goldpreisentwicklung sei die Schwäche des Schmuckmarktes, der immerhin für rund 40% der Goldnachfrage stehe. In Indien als bislang wichtigstem Markt sei im 1. Quartal ein Wirtschaftswachstum von 5,3% gegenüber dem Vorjahreszeitraum gemessen worden - der niedrigste Wert seit neun Jahren. Diese Wachstumsdelle wirke sich einerseits negativ auf die Kaufkraftentwicklung der Bevölkerung aus. Andererseits sei sie für die Abwertung der Rupie verantwortlich. Hierdurch sei der Goldpreis in lokaler Währung - ähnlich der Situation in der Eurozone - auf erhöhtem Niveau geblieben. Und auch aufgrund der Verdoppelung der Einfuhrsteuer auf Gold von 2% auf 4% komme bei den preissensitiven Indern keine Kauflaune auf.

Zukünftig sei mit weiterem Gegenwind für den Schmuckmarkt zu rechnen. In mehreren US-Bundesstaaten habe die schwerste Dürre seit 56 Jahren große Teile der Getreideernte vernichtet. Da die USA für rund die Hälfte der weltweiten Maisexporte stünden, habe sich der Preis für die stärkehaltige Feldfrucht innerhalb von einem Monat um etwa 50% erhöht. Aufgrund der Wasserknappheit und Futtermittelverteuerung sei in den USA mit der Notschlachtung großer Viehbestände begonnen worden, sodass nach einem vorübergehenden Überangebot am Fleischmarkt später eine Verteuerung wahrscheinlich sei.

Von einem Anziehen der Preise wären insbesondere die Schwellenländer betroffen, wo die Ausgaben für Lebensmittel einen großen Anteil an den Gesamtausgaben der Privathaushalte einnehmen würden. Die gestiegenen Agrarpreise hätten somit das Potenzial, zusätzlich Kaufkraft abzuschöpfen, die auf dem Schmuckmarkt fehlen würde. Hinzu komme, dass bislang vergleichsweise geringe Niederschlagsmengen in Indien eine verhaltene Ernte und damit niedrige landwirtschaftliche Einkommen befürchten lassen würden.

Nach Angaben des World Gold Councils seien auch im 2. Quartal dieses Jahres wieder einige Notenbanken auf der Käuferseite des Marktes aktiv gewesen. Die Währungshüter Russlands, Mexikos und Kasachstans hätten erneut höhere Bestände ausgewiesen. Den größten Zuwachs hätten die Philippinen mit einem Plus von knapp 36 Tonnen verzeichnet. Der asiatische Inselstaat kaufe Gold aus lokaler Förderung auf, um es gegebenenfalls später mit Gewinn abstoßen zu können.

Sri Lanka, das ebenfalls aktiver Goldtrader sei, habe seine Bestände geringfügig verringert. Dagegen sei der Zuwachs der Goldbestände der türkischen Notenbank in Höhe von mehr als 40 Tonnen nicht auf eine Zunahme der tatsächlichen Währungsreserven zurückzuführen. Vielmehr handle es sich um Mindestreserveleistungen türkischer Geschäftsbanken, die neuerdings auch mit Gold beglichen werden dürften.

Die Entwicklung des Goldpreises sei in den letzten Monaten von der Erwartung einer neuen geldpolitischen Lockerung durch die US-Zentralbank FED ("QE3") beeinflusst worden. Gold als eine Art Gegenwährung zu Papiergeldsystemen würde von dem Anwerfen der Notenpressen profitieren. Entsprechend negativ hätten die Märkte wiederholt Äußerungen von FED-Chef Bernanke quittiert, wonach ein QE3 zwar möglich, aktuell aber nicht notwendig sei.

Die an dieser Stelle schon in der Vergangenheit thematisierte charttechnische Kompressionsformation aus sinkender Trendlinie und horizontaler Unterstützung bei rund 1.520 USD spiele vor allem für kurzfristig orientierte Marktteilnehmer eine Rolle. Ein Bruch der Unterstützung würde Stopp-Loss-Verkäufe auslösen und außerdem Trader zu Short-Spekulationen einladen. In den Sommermonaten Juni und Juli hat sich der Goldpreis jedoch am oberen Ende des Dreiecks etabliert und momentan scheinen die Notierungen der von uns aus fundamentalen Gründen favorisierten allmählichen Bewegung nach oben zu folgen, so die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg.

Das marktbeherrschende Thema in der zweiten Sommerhälfte dürfte die weitere Entwicklung der Euro-Krise werden. Trotz Schuldenschnitt sowie einer Unzahl von Rettungspaketen und Wachstumspakten stehe Griechenland - wieder einmal - kurz vor der Pleite, sofern nicht der IWF und die EU die vereinbarten Hilfsgelder auszahlen würden. Spätestens am 20. August brauche Athen 3 Mrd. Euro zur Ablösung fälliger Anleihen. Der Haken sei jedoch, dass der IWF gemäß seiner Statuten nur dann Hilfszahlungen leisten dürfe, wenn die Rückzahlung durch den Empfänger als gesichert angesehen werden könne. Dies sei bei Griechenland eigentlich nicht der Fall und das Land sei auch nicht fähig oder willens gewesen, die versprochenen Reformschritte umzusetzen.

Bemerkungen des deutschen Vizekanzlers Philipp Rösler, wonach er mit einem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone rechne, seien zwar vom offiziellen Berliner Politbetrieb umgehend widersprochen worden. Der Vorgang zeige jedoch, dass das bislang Undenkbare aussprechbar geworden sei und der Rückhalt Athens zusehends schwinde.

Eine Staatspleite und der damit wahrscheinlich verbundene Euro-Austritt Griechenlands würden den Druck auf die anderen Südstaaten der Eurozone massiv erhöhen. Immer mehr stelle sich zudem heraus, dass einige spanische Provinzen große Liquiditätsnöte hätten und dringend auf Hilfe angewiesen seien. Bei der Bereitstellung von 100 Mrd. Euro für die strauchelnden spanischen Banken hätten sich übrigens schon bemerkenswerte Unterschiede im Geberlager gezeigt.

Während der Deutsche Bundestag für die Vergabe der Gelder ohne weitere Auflagen votiert habe, habe Finnland bilateral mit Spanien für einen Teil seiner Garantien die Hinterlegung von Bareinlagen und erstklassigen Anleihen als Sicherheit vereinbart. Der 100-Mrd-Kredit dürfte sich unabhängig hiervon vermutlich als nicht ausreichend erweisen: Der Anteil der notleidenden Kredite der spanischen Banken erreiche mittlerweile 9% der Aktiva des Bankensektors und damit die Höhe von über 155 Mrd. Euro.

Eine vorläufige Entspannung der Staatsschuldenkrise würden die Worte des italienischen Chefs der Europäischen Zentralbank bedeuten. Mario Draghi habe sich gestern auf einer Konferenz in London entschlossen gezeigt, die angeschlagene Gemeinschaftswähung zu retten: "Innerhalb unseres Mandats ist die EZB bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten." Über welche Maßnahmen es sich hierbei handeln werde, habe Draghi keine Informationen gegeben. Denkbar wären neue Anleihenkäufe beziehungsweise neue langlaufende Tender für Geschäftsbanken. Der einzige positive Effekt dieser Aktionen sei bislang jedoch nur ein Zeitgewinn gewesen. Die grundsätzlichen Strukturprobleme der Eurozone seien durch das Anwerfen der Notenpresse nicht gelöst worden.

Aus fundamentaler Sicht stehe die schwache Schmuckgoldnachfrage einem substanziellen Anstieg des Goldpreises in den kommenden Monaten entgegen. Gleichwohl würden die anhaltende Unsicherheit sowie auch die negative Realrendite sicherer Alternativen, für fortgesetztes Interesse an Gold als Investmentobjekt sprechen. Die Analysten würden deshalb mit einem moderaten Anstieg der Notierungen in Richtung 1.700 USD und in der weiteren Folge mit einer Seitwärtsbewegung rechnen. Eine Staatspleite Griechenlands und die potenziellen Folgen für die anderen Euro-Südstaaten könnten zwar das Anlegerinteresse erhöhen. Zuerst dürfte in dem entstehenden Börsenchaos aber auf allen Anlageklassen inklusive Gold Verkaufsdruck lasten. (27.07.2012/ac/a/m)

Quelle: Aktiencheck

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