Kölmel (Kinowelt), Leipzig, Olympia, Skandal um Mi

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Kölmel (Kinowelt), Leipzig, Olympia, Skandal um Mi BeMi

Kölmel (Kinowelt), Leipzig, Olympia, Skandal um Mi

 
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Leipzig: Neuer Skandal um Millionen-Provision

Wie ein zwielichtiger Vermittler beim WM-Stadion kassierte
- Lukrativer Vertrag mit CDU-Kämmerer
- Honorar auf öffentliche Mittel
von Grit Hartmann und Uwe Müller

Leipzig -  Der 6. März 2004 wird als bedeutendes Datum in die Annalen der Stadt Leipzig eingehen. Dann treffen im neuen Fußballstadion, das Austragungsort der WM 2006 ist, erstmals zwei Mannschaften aufeinander. Die High-Tech-Arena für 45 000 Zuschauer setzt nicht nur in den neuen Ländern Maßstäbe, sondern bildet auch einen wichtigen Baustein für die deutsche Olympiabewerbung 2012.


Der teuerste Sportneubau im Osten verbindet Vergangenheit und Zukunft. Denn eingebettet ist er in den Tribünenwall des 1956 eingeweihten und zuletzt arg verrotteten Zentralstadions, in dem 100 000 Menschen Platz fanden. Am 28. Januar 2000, anlässlich des 100. Geburtstages des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), legten Kanzler Gerhard Schröder und Bundespräsident Johannes Rau den Grundstein für das moderne Oval.


Mit solcher Prominenz ist Anfang März beim ersten offiziellen Spiel nicht zu rechnen. Dann stehen sich FC Sachsen Leipzig und die Dortmunder Amateure gegenüber. Dritte Liga im WM-Stadion, das ist einmalig in Deutschland. Mehr gibt der Leipziger Fußball nicht her. "Was soll hier eigentlich passieren?", wunderte sich selbst WM-Organisator Franz Beckenbauer. Doch neben leeren Rängen dürften auch seltsame Geschäfte die Freude am Stadion dämpfen.


Für das mehr als 90 Millionen Euro teure Projekt wurde ein Vermittler von zweifelhaftem Ruf eingeschaltet. Dank fragwürdiger Patronage durch das Rathaus kassierte er eine Provision von umgerechnet mindestens 1,033 Millionen Euro (2,022 Millionen Mark) - berechnet auch auf Zuschüsse von Bund und Stadt. Diese Art von Vetternwirtschaft hat zuletzt der Leipziger Olympia-Kandidatur eine Krise beschert. Nun steht nicht SPD-Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, sondern sein Stellvertreter, der Bürgermeister und Kämmerer Peter Kaminski (CDU), im Mittelpunkt der Affäre.


Kaminski verschaffte am 21. Dezember 1998 Roland Poser einen lukrativen Geschäftsbesorgungsvertrag. Der wechselweise als Kaufmann, Veranstaltungsmanager oder Journalist auftretende Poser sollte für das aus öffentlichen Kassen mit 63,4 Millionen Euro geförderte Stadion einen privaten Investor finden. Über das Honorar für die Dienste heißt es im Vertrag nur, es solle "angemessen" sein und vom künftigen Investor getragen werden - damit musste die Vereinbarung weder vom Stadtrat noch von der Dezernentenrunde bestätigt werden.


"Ich habe den Vertrag mit Poser vom Rechtsamt prüfen lassen", beteuert Kaminski. Ob dem Amt indes die Verbindung der beiden klar war, ist nicht bekannt. Anfang 1998, als sich Kaminski vergeblich um den Stuhl des Oberbürgermeisters bewarb, trat Poser als Wahlkampfhelfer und Veranstaltungsorganisator des Kandidaten auf. Nach der Niederlage gegen Tiefensee wurde dem CDU-Politiker die Gesamtverantwortung für das Stadionprojekt übertragen. Damit kam Poser ins Geschäft - und zwar über seine erst am 19. August 1998 registrierte Connect-Communal & Wirtschaftsservice GmbH.


Poser sei ihm empfohlen worden, sagt Kaminski, er kenne wenige, die so viele Kontakte und Verbindungen hätten. Das ist wohl wahr. Der 47-Jährige, der zu DDR-Zeiten im Auftrag von SED und FDJ als Produktionsleiter Propagandaveranstaltungen wie Parteitage und Festivals organisierte, ist fest im Milieu von alten Stasi-Kadern und windigen Geschäftsleuten verankert. In mindestens einem Dutzend GmbH-Firmen verschiedenster Zwecke trat er - mal länger, meistens kürzer - als Geschäftsführer oder Gesellschafter auf. Noch vor dem Ende der DDR gründete er mit seinem Ziehvater, dem Chefpropagandaregisseur und Stasi-Führungsspitzel (FIM "Regisseur") Jochen Lohse, die Firma Creativ, die sich unter anderem "der Vermittlung und Betreuung von Models und Hostessen" widmete.


Kurz nach dem Mauerfall agierte Poser zudem bei mehreren Geschäften mit den in Leipzig wenig gelittenen Kaufleuten Norbert Blank und Ivan Radosevic. Beide hatten sich handstreichartig langfristige Mietverträge für innerstädtische Messeimmobilien gesichert. Aus den trickreichen Kontrakten musste sich die neue Messe GmbH mit einem Millionenbetrag herauskaufen. Radosevic war zudem eine Schlüsselfigur, als im Herbst bei der Olympia-GmbH dubiose Rechnungen auftauchten. Unmittelbar nachdem dieser Skandal publik war, wurde über Nacht das Schild der Radosevic-Poser-Firma Global Marketing International am Leipziger Stammhaus abgeschraubt.


Als Auftragnehmer partizipierte Poser Mitte der Neunziger von einem ABM-Abzockgeschäft alter SED-Genossen im Harz, über das der Bayerische Rundfunk ("Goldgrube Arbeitsamt") berichtete. Dazu liegen dieser Zeitung zwei von Poser unterzeichnete Verträge vor, die mit zeigen, wie sich im Osten zu Lasten öffentlicher Haushalte prächtig verdienen lässt: Garantiert werden bei fünf Jahren Laufzeit und einer Option für fünf weitere Jahre 15 Prozent Provision plus Mehrwertsteuer plus Reisekosten - und das ohne Risiko. Erst nach dem Stadiondeal sind auch seriösere Geschäfte von Poser aktenkundig - mit der Veranstaltungsmanagementfirma Yellow wirkte er bei der Grundsteinlegung des Leipziger BMW-Werkes mit. Doch diese GmbH ist mittlerweile pleite.


Von fragwürdigen Verbindungen Posers habe er nichts gewusst, behauptet Kaminski. Gleichwohl ist das heutige CDU-Mitglied Poser in Leipzig kein Unbekannter. Der Mann, der früher in der sowjetischen Botschaft in Ostberlin ein- und ausging und sich später bester Kontakte zu Ex-KGB-Agenten rühmte, hat Journalisten nachweislich so genannte Homestorys mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin angeboten. Preis: eine Million Mark. Vertrauten teilte er mit: "Von mir wird niemand eine Stasi-Akte finden, weil ich für diesen Dienst nicht gearbeitet habe."


Vielleicht hängt es mit Posers großspuriger Art zusammen, dass er während des Kaminski-Wahlkampfes äußerte, er werde für die finanzielle Unterstützung des CDU-Aspiranten Aufträge von der Stadt Leipzig erhalten. Dies habe ihm der Kämmerer zugesagt, ließ er durchblicken. "Ein solches Versprechen hat es nie gegeben", wehrt sich Kaminski entschieden und gibt Auskunft über Details der Vertragsgestaltung.


Danach ist Posers erster Stadionvertrag am 17. Dezember 1999 umgewandelt worden. Inzwischen hatte die städtische Zentralstadion Leipzig Besitzgesellschaft mbH (ZSL) die Regie beim Projekt übernommen - mitsamt dem Kaminski-Vertrag. Die "angemessene" Provision wurde nun ganz konkret: 0,75 Prozent plus Mehrwertsteuer der Investitionssumme für das gesamte Sportforum inklusive Infrastruktur, neuer Sporthalle und Fußballrund mit Hauptgebäude. Der Prozentsatz klingt weniger moderat, wenn man weiß, dass der Komplex mit 122,7 Millionen Euro kalkuliert ist, wovon die Steuerzahler rund 80 Prozent aufbringen.


Über den Kosten treibenden Arrangeur Poser hat sich der Investor, Betreiber und Besitzer Michael Kölmel mächtig geärgert. "Ich bin betrogen worden", klagte er 2001 einem Bekannten. Bei Durchsicht der Bücher musste er feststellen, dass an Poser schon lange vor seinem im September 2000 perfekt gewordenen Engagement ein hoher Vorschuss überwiesen worden war - im Zusammenhang mit der Londoner RH Sanbar Group. Sie hatte sich zuvor um das Stadion beworben, schied jedoch wieder aus, als es um die Finanzierung ging. Er kenne die Leipziger Netzwerke nicht, sagt Kölmel heute auf Anfrage und unterstreicht: "Die Stadt hätte mich auch ohne Herrn Poser bekommen." Gleichwohl hat der Medienunternehmer - gegen ihn will die Staatsanwaltschaft München wegen der Insolvenz der Kinowelt klagen - mit dem Stadioneinstieg alle im Vorgriff von der städtischen ZSL gezahlten Provisionen anerkannt und erstattet.


Posers Connect existiert längst nicht mehr. Gleich nach dem einträglichen Stadiondeal wurde sie auf die Garbe und Partner GmbH verschmolzen. Namensgeber Gunter Garbe, einst Chefgrafiker bei der SED-Werbefirma Dewag, hat auch eine Vergangenheit. Nach seiner der WELT vorliegenden Birthler-Akte heuerte er 1972 als IM "Stolpner" bei der Stasi an, wo ihn wiederum Poser-Mentor Lohse bei der "Bearbeitung intellektueller Personenkreise, besonders Maler/Grafiker" instruierte.


Zum Stichtag 30. Juni 2000 hat die in der Garbe und Partner verschwundene Connect, also die Vertragspartnerin der Stadt, eine Abschlussbilanz vorgelegt. Das Datum ist ungewöhnlich, da die GmbH noch bis 29. Dezember 2000 bestand. Ausgewiesen wird ein Jahresüberschuss von 298 Mark und 58 Pfennig. Aus allgemein zugänglichen Unterlagen ergeben sich keinerlei Anhaltspunkte, wo die erst im zweiten Halbjahr überwiesene Stadionprovision bilanziert sein könnte. Kaminski-Partner Roland Poser lässt sich weder dazu noch überhaupt befragen.

Grit Hartmann ist Mitautorin des jetzt im Forum Verlag Leipzig erschienenen Buches "Operation 2012".

Artikel erschienen am 13. Jan 2004
 
     
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