Das Erbe von Achtundsechzig

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Das Erbe von Achtundsechzig

 
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Leitartikel
Das Erbe von Achtundsechzig
Von Henning Ritter


01. September 2005 In seiner Autobiographie "Von Heimat zu Heimat" erzählt Peter Glotz, wie eine Münchner Rentnerin, die ihn als Wahlkämpfer beobachtet hatte, zu ihm sagte: "Sie sind aber fleißig." Und er antwortete: "Fleißig - genau das wollte ich auch immer sein." Treffender kann man nicht ausdrücken, wie es sich mit diesen kleinen Tugenden verhält: Man hat sie, oder man hat sie nicht, man ertappt sich dabei, man gesteht sich verwundert ein, daß man fleißig ist. Peter Glotz war kein Achtundsechziger, er war um zwei, drei Jahre zu früh geboren. Aber er wußte natürlich, daß die Studentenbewegung die "Sekundärtugenden" lächerlich zu machen pflegte, und er kannte auch das böse Wort, daß sich mit Fleiß und Ordnung Konzentrationslager betreiben ließen.


Auch "Heimat", das im Titel der Autobiographie von Peter Glotz gleich zweimal vorkommt, war ein von den Achtundsechzigern tabuiertes Wort. Der Katalog der Sprachregelungen, die aus den späten sechziger Jahren überkommen sind, ist lang. Er umfaßt das ganze Spektrum antibürgerlicher Ressentiments, ist aber mittlerweile durch die Verbürgerlichung und Anpassung der ehemaligen Revoluzzer zu linker Folklore geworden. Denn Achtundsechzig liegt tief in der Vergangenheit. Die Provokationen von einst sind stumpf geworden. Um so erstaunlicher ist es, daß im Wahlkampf immer wieder eine Debatte über das Scheitern der Ideen von Achtundsechzig gefordert wird.

Mit der Aufarbeitung jener Jahre sind mittlerweile Historiker beschäftigt, zunächst natürlich mit der Frage der Gewaltbereitschaft und der Nähe zum Terrorismus. Bald aber werden sie auch die Dokumente des Niedergangs der Universitäten, des Ordnungsschwunds in den Schulen, in den Kindergärten sichten, sie werden nachzeichnen, wie die bundesrepublikanische Gesellschaft umgekrempelt werden sollte, ohne daß die meisten merkten, wie es geschah. Am Ende wird die Korrektur der Legende von der Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft durch die Achtundsechziger stehen.

Diese Legende ist zweifellos ihr größter Erfolg, von dem auch noch die aktuelle Agenda der Regierungsparteien zehrt. Daß man Demokratie und Toleranz elitär in Pacht nehmen kann, müßte in einem demokratischen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Verwunderung erregen, ist aber eine Art gesellschaftlicher Konsens geworden, gegen den die anderen Parteien mit ihrer Forderung einer Erneuerung traditioneller Werte wie gegen Windmühlenflügel kämpfen.

Wer sich auf eine Wertedebatte einläßt, hat sie schon verloren. Denn über Werte läßt sich trefflich streiten, aber was am Wertehimmel funkelt, ist längst noch keine Orientierung des tatsächlichen Verhaltens. Wie man Werte instrumentalisieren kann, hat der sogenannte Volmer-Erlaß gezeigt. Schon daß er auf lateinisch daherkam, hätte mißtrauisch machen müssen: "In dubio pro libertate." Die Freiheit, auf die man sich hier mit ihrem klassischen Begriff bezog, war die Reisefreiheit, und darüber hinaus war es nicht die Freiheit des eigenen Gemeinwesens, für die man "im Zweifel" eintreten wollte, sondern die Freiheit anderer - um dem Ansehen Deutschlands als einem großzügigen und toleranten Staat zu nützen, und das sogar auf die Gefahr hin, daß eigene Interessen dadurch geschädigt werden könnten. Zwar war dieses "pro libertate" ein Wert, der durch praktische Politik verwirklicht wurde, doch ein anderer, als es den Anschein hatte. Dies war noch einmal ein linkes Sprachspiel, wie man es aus den achtundsechziger Jahren kennt, am brillantesten demonstriert von Fritz Teufel in seinem Satz: "Wenn es der Wahrheitsfindung dient..."

Was die historische Aufarbeitung von Achtundsechzig bisher nicht erfaßt hat, sind solche sprachspielerischen Manöver, der Nonsens der politischen Happenings, das karnevalistische Treiben, das der Bewegung erst ihren Reiz gab und ihr eine breite Anhängerschaft zuzog. Das Erbe von Achtundsechzig wäre in erster Linie in ihrem Alltagssurrealismus zu sehen, der einer verständnislosen Umgebung als ernst gemeint aufgedrängt wurde. Wenn man sich erst einmal vom haltenden Fallschirm ausgeklinkt hat, bewegt man sich in freiem Fall auf den harten Boden der Tatsachen zu. Bis man dort angekommen ist, glaubt man, sich alles erlauben zu können.

Dem Erbe von Achtundsechzig wird in den Wahlreden dieser Wochen vielfach die Schuld am Werteverfall in der Gesellschaft gegeben. Übersehen wird dabei, daß 1968 keine Wertedebatte war, sondern ein psychodramatischer Wechsel von Verhaltensstilen. Nicht die Ideen der Achtundsechziger änderten die Gesellschaft, sondern die von ihnen verteufelte Wohlstandsgesellschaft nahm gierig ihre neuen Bedürfnisse auf, und es dauerte nicht lange, bis die Generation, die zur Bundesrepublik auf Distanz gegangen war, sich bereitwillig von dem verschlingen ließ, was sie eben noch als Konsumgesellschaft verteufelt hatte. Der Philosoph Peter Sloterdijk, der jene Jahre intensiv miterlebte, hat unlängst brutal festgestellt: "Alle Wege von 68 führen letzten Endes in den Supermarkt." Die Bewegung, die als Protest gegen Konsum und Konsumterror begonnen hatte, experimentierte mit neuen Bedürfnissen und erschloß dem Konsum neues Terrain. Mit dem bereitwilligen Eintauchen in die Wonnen der Wohlstandsgesellschaft endete die Bewegung der Achtundsechziger.

Nicht ihre politischen Illusionen sind es, von denen man sich heute noch befreien müßte, sondern die falschen Wohlstandsversprechen, denen auch die linken Utopiker erlegen waren. Ihre Vision der Gesellschaft als eines Selbstbedienungsladens ist gescheitert. Sie wird sich nicht wiederbeleben lassen - auch nicht, indem man wieder Werte ins Angebot nimmt.



...be happy and smile


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