James Theckston war regionaler Vizepräsident bei der Chase Home Finance für das südliche Florida. Sein Arbeitgeber, die JPMorgan Chase & Co, erhielt etwa 25 Milliarden US-Dollar Hilfe (“bailout”) von der US-Regierung und übernahm nach Ausbruch der Subprime-Krise die Finanzunternehmen Bear Stearns, Washington Mutual und Cazenove. Anlässlich der OccupyWallstreet-Demonstationen in New York spendete JPMorgan kürzlich 4,6 Millionen US-Dollar an die New York City Police Foundation. James, ehemals “sales manager of the year”, ist allerdings nicht der typische Bankmanager:
Er wurde nämlich von seinem schlechten Gewissen dazu getrieben, gegenüber der New York Times ausführlich zu berichten, wie das am Vorabend der Finanzkrise wirklich ablief. Zunächst: “Subprime” bedeutet sowas wie “nicht optimal” oder genauer: Jemand, der eigentlich nicht die Sicherheit für einen Hypothekenkredit zum Kauf eines Hauses bietet. Manche dieser Hypotheken, sagt James, wurden ohne Nachprüfung der persönlichen Umstände des Kreditnehmers vergeben. Viele davon mit knapper Schulbildung, überdurchschnittlich viele Schwarze und Latinos.
Der Grund für die “Nachlässigkeit”? Diese Hypotheken wurden, zu Paketen gebündelt, als Finanzprodukt und Spekulationsobjekte “verkauft”. Je mehr, desto besser. Bankmanager erhielten bis zu sieben mal so hohe Prämien, wenn sie solche Risikogeschäfte abschlossen.
2008 platzte die Spekulationsblase, Banken wurden mit Steuergeld “gerettet”, James verlor seinen Job, Hauseigentümer verloren ihr zuhause. JPMorgan Chase beteuert auf Nachfrage, so etwas käme heute nicht mehr vor. Allerdings gelten nach wie vor 28 % der US-Hypotheken als “unter Wasser”, ein beschönigender Ausdruck dafür, dass die kreditnehmenden Hausbesitzer mehr an Hypothek zurückzahlen müssen, als das Haus wert ist. Die US-Zentralbank “Federal Reserve” verlieh 7800 Milliarden US-Dollar an Banken, damit diese nicht Bankrott anmelden mussten. Das Weiterverleihen dieser Summe an Bürger brachte den solchermassen geretteten Banken mindestens 13 Milliarden an zusätzlich erwirtschafteten Zinsen ein. Zusätzliche Gewinne aus den Folgen halsbrecherischer, unseriöser Geschäfte.
Kapitalismus ist theoretisch eine brauchbare Idee: Gewerbefreiheit und konkurrierende Marktteilnehmer auf Anbieter- und Nachfrageseite könnten die Zirkulation von Waren und Dienstleistungen in Gang halten. Das funktioniert allerdings nur, wenn die demokratische Kontrolle funktioniert. Was sie heute eben so wenig tut wie auf damals auf der anderen Seite des “eisernen Vorhangs”: In der Sowjetunion gab es keine demokratische Kontrolle, und wir wissen, wohin das geführt hat.
Was sollen wir also tun? Warten, bis der Kapitalismus zusammenbricht und durch etwas anderes, nicht funktionierendes ersetzt wird? Oder uns vielleicht doch lieber darum kümmern, dass die demokratische Kontrolle wieder stärker wird? Hm. Oder hat einer der authentischsten Politakteure der Gegenwart recht, dessen Bonmot, auf die aktuelle Situation bezogen, heissen würde: “Warum schreibe ich das hier eigentlich, ihr geht ja doch nicht wählen”?
11k2.wordpress.com/2011/12/02/...inanzkrise-wirklich-herkommt/