Winfried Kretschmann und Nils Schmid haben einen Ruf als seriöse Finanzpolitiker zu verlieren. Doch SPD wie Grüne wollen Akzente setzen.
Stuttgart - Sage und schreibe 27 Kommissionen haben die künftigen Stuttgarter Koalitionäre eingesetzt, um ein Regierungsprogramm zu erarbeiten. Noch vor Ende des Monats soll es in einen Koalitionsvertrag gegossen werden.
Ein ambitioniertes Unterfangen für die in diesen Fragen noch unerfahrenen Regierungsazubis. Am Dienstag tagte erstmals der Arbeitskreis Finanzen, der von den beiden grün-roten Spitzenkräften Winfried Kretschmann und Nils Schmid geleitet wird. Die Auskünfte blieben dünn. "Wir machen das wie beim Deutschaufsatz", hieß es bei den Grünen. "Erst kommt die Stoffsammlung, dann die Gliederung, am Ende der Text." Das ist gut gebrüllt, hat aber noch wenig Substanz. Denn bei 27 Kommissionen darf man davon ausgehen, dass sich 26 damit beschäftigen werden, für welche segensreichen Zwecke Geld ausgegeben werden kann - und die Finanzkommission muss dann schauen, wo die Mittel dafür herkommen. SPD-Landeschef Nils Schmid stellte am Dienstag klar: "Wir werden die Linie der bisherigen Finanzplanung halten." Was bedeute: "Es gibt keine zusätzliche Verschuldung." Ohnehin muss jede Regierung die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse einhalten. Alle Bundesländer sehen sich vor die Aufgabe gestellt, ihre Haushalte so umzubauen, dass sie bis zum Jahr 2020 die jährliche Neuverschuldung auf null drücken.
Das ist keine leichte Aufgabe, zumal die mittelfristige Finanzplanung erhebliche Deckungslücken aufweist. Nach den Plänen der bisherigen Landesregierung beträgt das Haushaltsloch im nächsten Jahr 2,3 Milliarden Euro, im Jahr 2013 sind es 2,9 Milliarden Euro und 2014 sogar drei Milliarden Euro. In dieser Rechnung ist die Neuverschuldung von 700 Millionen Euro im kommenden Jahr und 400 Millionen Euro 2013 noch gar nicht eingerechnet. Zudem verlangt die bereits in der Landeshaushaltsordnung verankerte Schuldenbremse, dass mit Beginn des Jahres 2010 die neuen Kredite binnen sieben Jahren zurückgezahlt werden müssen. Grün-Rot hofft deshalb auf die nächste Steuerschätzung im Mai. Außerdem reden sowohl Kretschmann wie auch Schmid davon, dass neue Aufgaben im Haushalt zumindest teilweise gegenfinanziert werden müssen. Man darf aber davon ausgehen, dass beide Seiten mit Argusaugen darauf achten werden, dass Mehrausgaben und Gegenfinanzierung gerecht verteilt werden - und nicht die Ministerien des einen Koalitionärs die Segnungen des anderen mit Einsparungen zu bezahlen haben.
"Die Finanzpolitik muss Wachstumsimpulse geben"
Äußerungen des DGB-Landeschefs Nikolaus Landgraf haben bereits deutlich gemacht, wo die Gefahren für Kretschmann und Schmid liegen. Beide pflegten in den Oppositionsjahren eine Rhetorik der Haushaltskonsolidierung. "Die schwäbische Hausfrau darf kein Vorbild für die Finanzpolitik des Landes sein", warnte Landgraf. "Die Finanzpolitik muss Wachstumsimpulse geben, Zukunftsinvestitionen finanzieren und mehr Steuergerechtigkeit schaffen." Er plädierte unter anderem für einen höheren Spitzensteuersatz und eine höhere Erbschaftsteuer. Dies jedoch liegt in der Kompetenz des Bundes. Eine Landesregierung kann allenfalls Bundesratsinitiativen starten. Landgrafs Worte haben Gewicht, denn die immer noch von der Agenda 2010 geschädigte SPD bemüht sich um die Wiederherstellung guter Beziehungen zu den Gewerkschaften. SPD-Vormann Schmid würde aber als Finanzminister sein politisches Gewicht einbüßen, bekäme der den Haushalt nicht in den Griff.
Die rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, deren Etat vom Verfassungsgerichtshof in Münster gekippt wurde, ist ein Menetekel. Immerhin beteuert der Grünen-Finanzexperte Eugen Schlachter, der an den Stuttgarter Finanzverhandlungen beteiligt ist: "So wie in Nordrhein-Westfalen machen wir es sicher nicht."
Inzwischen wurden die Mitglieder der Arbeitsgruppe zu Stuttgart 21 benannt. Auf SPD-Seite verhandeln Parteichef Schmid, Fraktionschef Claus Schmiedel, Ulms OB Ivo Gönner, der frühere Projektsprecher Wolfgang Drexler und die Tübinger Abgeordnete Rita Haller-Haid. Auf Grünen-Seite sind es Kretschmann, der Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann, Werner Wölfle und Tübingens OB Boris Palmer.