zu spielen ist die Hauptstrategie bei Quo Vadis. Wenn der DAX ordentlich gestiegen ist, geht man short, weil ein "Rücksetzer fällig" ist. Ist der DAX wie heute ordentlich gefallen, geht man long, weil eine "Rücksetzer fällig ist" (nun nach oben).
Das mag zwar dem gesunden Menschenverstand entsprechen - im Sinne von: Übertreibungen werden meist technisch korrigiert - ist aber markttechnisch mMn der falsche Ansatz (siehe # 177).
Hinzu kommt, dass der heutige Aktienmarkt ganz anders läuft als der von 2003 bis 2008. Damals waren noch jede Menge Kleinanleger-Investoren mit im Boot, die glaubten, dass der 2000-Crash ein einmaliger Durchhänger (Sondersituation) war, und dass 2003 ein neuer langfristiger Bullenmarkt (ähnlich dem von 1982 bis 2000) begonnen hätte.
Der 2008-Crash zeigte ihnen jedoch, dass dies eine Illusion war.
Im März 2009 begann die aktuelle, jetzt austoppende Rallye. Doch sie wurde von ganz anderen "Playern" getrieben. Es waren fast ausschließlich Hedgefonds (aka Zockerbanken). Normalanleger waren schockiert (zu Recht) und kaum noch dabei. Sie hatten nach zwei Mega-Crashs in einem Jahrzehnt die Schnauze gestrichen voll. In 2010 gab es jede Menge Mittelabflüsse bei großen US-Fonds, weil die Kleinanleger (darunter Babyboomer, die unbehelligt in Rente gehen wollten), auscashten.
Der Markt stieg trotzdem weiter, weil Hedgefonds in die Bresche sprangen. Sie kauften allerdings mit sehr wenig Eigenkapital - und meist gehebelt mit Futures. Technisch erkennt man dies daran, dass die Anstiege bei sehr dünnem Volumen erfolgten. Das ist ein Warnsignal. Und es passt zu meiner Makrothese (im Bären-Thread), dass es in USA keine selbsttragende Erholung gegeben hat, sondern nur eine Liquiditäts-Rallye aus dem Fed-Füllhorn.
Außerdem repräsentieren in einem solchen liquiditäts-getriebenen Markt Aktienanstiege keine tiefgreifenden wirtschaftlichen Verbesserungen. Der breiten Masse in USA geht es nach wie vor eher schlecht. Es gibt Massen-AL mit 9 % Quote, der Spritpreis ist über 4 Dollar, Alles wird deutlich teurer und die Löhne steigen kaum mit (Stagflation). Viele Amis, die ihren Job verloren hatten, haben jetzt neue schlecht bezahlte Hilfsjobs. Außerdem sieht jeder Ami mit eigenen Augen, dass der US-Hausmarkt in Scherben liegt. Allein heute sanken die Wohnungsbau-Beginne um -10,6 %.
Weklcher Ami sollte da allen Ernstes an eine langfristige Erholung glauben und sein Geld in Aktien stecken? Das machen nur noch Hedgefonds - und die operieren bekanntlich mit "anderer Leute Geld". Da werden dann auch Risiken eingegangen, die man mit eigenem Geld besser nicht eingeht.
Da also die Rallye ab 2009 fast ausschließlich auf Hedgefonds-Aktivitäten beruht und diese stark mit Futures arbeiten, gibte es im Up- und im Down-Trend einige neue Besonderheiten. Im Uptrend gab es, anders als früher, fast keine Rücksetzer. Grund ist, das Hedgefonds prozyklisch mit Futures und Algo-Trading draufsattelten. Geld gab es massig von der Fed, und Fundamentals wurden ignoriert.
Wer also hier im Uptrend auf die sonst üblichen Rücksetzer spekulierte, wurde enttäuscht. Es stieg wie blöde.
Genauso gilt aber jetzt, sofern sich der laufende Downtrend etabliert, das Umgekehrte. Auch im Downtrend dürften die früheren Rücksetzer ausbleiben, weil immer noch dieselben Future-Akteure den Markt dominieren.
Wer wissen will, wie ein von Hedgefonds-Notverkäufen getriebener Abwärtsmarkt aussieht, der sehe sich den Chart von Öl in der zweiten Jahreshälfte 2008 an. WTI fiel fast non-stop von 147 auf 30 Dollar. Es gab fast KEINE Rücksetzer. Wer in bewährter Quo-Vadis-Strategie in diesem Öl-Downtrend darauf baute, dass "Übertreibungen rückabgewickelt" werden, machte Verluste. Öl fiel wie ein Stein.
Das Gleiche könnte über die nächsten Wochen/Monate nun auch mit Aktien passieren. Trader sollten sich dreimal überlegen, ob Strategien, die vpn 2003 bis 2007 noch gut funktionieren ("Reversal to the mean" nach Übertreibungen), unter den gegebenen Marktverhältnissen - einem fast nur noch von Hedgefonds dominierten Markt - auch weiterhin funktionieren (können).
Sinnvoller (da den Hedgefonds-Bedingungen angepasster) scheint mir die Strategie aus Post # 177.
Wohl dem, der weiß, wann unter diesen Prämissen der "Change of Character" wirklich eingetreten ist. OEs Strategie, jetzt (immer noch) alle Dips zu kaufen, ist jedoch mMn Selbstmord. Das könnte enden wie Bottom-Fishing beim Öl-Absturz in 2008, nämlich tödlich.