Neue Wirtschaftsordnung
von Dr. Bernd Niquet
Es ist manchmal gar nicht zu fassen, wie sehr sich unsere
Volkswirtschaft und unser Leben veraendert haben seit den
enormen Marktliberalisierungen der letzten Jahrzehnte. Ver-
bunden natuerlich mit den ganzen technischen Innovationen?
Kann sich eigentlich noch jemand an die Ladenschlussgesetze
erinnern? Als wir von Montag bis Freitag stets bis halb
sieben in die Laeden gehastet sind, um uns mit allem Noetigen
zu versorgen?
Das kommt manchem sicherlich heute wie das Mittelalter vor.
Doch kann sich andererseits noch jemand daran erinnern, was
eine heile Familie ist? Dass man sich abends zu einer nicht-
unchristlichen Zeit gemeinsam zum Abendessen trifft? Und das
an jedem Tag in derselben Besetzung und zu Hause und nicht
nur einmal in der Woche mit dem Patchwork im Schnellimbiss?
Das Statistische Bundesamt hat gerade veroeffentlicht, dass
in Deutschland mittlerweile fast 16 Millionen Menschen allein
leben, das ist jeder fuenfte, von den 18- bis 34-Jaehrigen
sogar ein Viertel. Insgesamt sind die Zahlen der Alleinleben-
den im Vergleich zu 1991 um 40 Prozent gestiegen. Gruende
dafuer seien unter anderem, dass im Berufsleben immer mehr
Mobilitaet gefordert ist.
Kulturelle und oekonomische Entwicklungen laufen hier Hand in
Hand. Heute wollen sich die meisten nicht mehr binden, es
wird ihnen aber auch keine Bindung mehr angeboten. Vor zwan-
zig oder dreissig Jahren noch waren die meisten Jobs Lebens-
jobs. Wer heute hingegen einen Arbeitsvertrag unterschreibt,
unterschreibt in der Regel einen Zeitvertrag.
Und wer kann schon ein lebenslanges Eheversprechen riskieren
und Kinder in die Welt setzen, wenn die berufliche Situation
so unsicher ist. Eigentlich kann das niemand. Und trotzdem
machen es noch so viele. Was unser aller Glueck ist.
Ich erinnere mich noch an die Auseinandersetzungen mit meinem
Vater, als es damals um den Ladenschluss ging. Da hatte er
gesagt: Das bringt gar nichts, die Ladenoeffnungszeiten aus-
zuweiten. Dadurch wird nicht mehr gekauft, dabei steigen nur
die Preise.
Ich denke, er hat im Prinzip Recht gehabt: Es wird heute
nicht mehr verkauft (ueber die normalen Steigerungsraten des
BIP hinaus, die es sowieso gegeben haette), nur dass die
Preise nicht gestiegen sind, dafuer jedoch die Loehne gefal-
len. Was im Endeffekt jedoch auf das Gleiche herauskommt.
Und man braucht keine Verschwoerungstheorie, um den grossen
Plan dahinter zu erkennen: Den Unternehmen geht es glaenzend
wie nie, und die Reichen sind immer reicher geworden. Alle
Liberalisierungsmassnahmen haben zu einer grossen Umvertei-
lung von unten nach oben gefuehrt.
Das war geplant, beginnend mit Reagan und Thatcher auf den
Kapitalmaerkten, doch niemand hat es so recht gemerkt. Heute
jedoch spueren wir es alle.