Lesen - aber was...

Postings: 10
Zugriffe: 325 / Heute: 1
neuester, letzter geles. Beitrag
Antwort einfügen | Talkforum
kiiwii: Lesen - aber was...
 
24.09.06 12:59
#1
...zuerst ?


Jochim Fests Auto-Biographie
Robert Harris' "Imperium"
Sloterdijks "Zorn und Zeit"





MfG
kiiwii
kiiwii: Auf der Zornsparkasse
 
24.09.06 13:00
#2
Auf der Zornsparkasse

Peter Sloterdijk beschreibt die Weltgeschichte als Wutgeschichte. Und zur Beruhigung fährt er Fahrrad


Gegenüber vom Sommerhaus des Philosophen befindet sich eine zehn Meter hohe Felswand. Das idyllische Provence-Dörfchen ist um einen Berg herumgebaut. Von ganz oben kann man den Mont Ventoux sehen. In der Felswand hängt ein Klavier. Ein echtes Klavier. Es ist an einem Bergsteigerhaken in etwa fünf Meter Höhe fixiert. Der Philosoph schaut nach oben, scheint einen Moment über den Verfremdungseffekt zu meditieren und bemerkt dann, wie um etwas zu entschuldigen: "Das hat irgendein Spaßvogel dorthin gehängt."

Im Dorf wohnen tatsächlich komische Vögel. Im Bistro neben dem Parkplatz sieht man junge Pariser aus dem Internet- oder Designsektor, die schon mal zum Spaß ein Klavier in eine Felswand hängen könnten. Aber noch sind die runzligen, alten Provenzalen und der Lavendelbauernnachwuchs in der Mehrzahl.

- "Sind Sie manchmal zornig, Herr Sloterdijk, oder haben Sie wie die Stoiker diese Leidenschaft bezwungen?"

- "Ich habe mit dem Zorn eigentlich ganz gute Erfahrungen gemacht."

Wer Sloterdijks neues Buch, "Zorn und Zeit", gelesen hat, in dem er nichts weniger versucht, als die Deutung der gesamten westlichen Geschichte als Geschichte des Zorns, weiß, worauf er anspielt: Sublimation, die Verwandlung roher Triebsubstanz in Produktivität, sei für einen ausgeglichenen Lebenslauf nicht nur auf der Ebene des Erotischen empfehlenswert, schreibt er dort. Sondern auch auf der des "Thymotischen", der Ebene des Zorns. Die Geschichte der westlichen Überlieferung hebt mit der Beschwörung des Zorn-Gefühls an: "Den Zorn singe, Göttin, des Peleussohns Achileos, / Den unheilbringenden Zorn . . ." So lauten die ersten Zeilen von Homers Ilias. Mit dem Zorn fing alles an.

Bhagwans Empfehlungen

Zornig hat man den notorisch und programmatisch gelassenen Philosophen, der im ZDF die einsame Intellektuellennische namens "Philosophisches Quartett" mit sympathischem Phlegma moderiert, öffentlich nur einmal erlebt: Als man ihn nach seiner Elmauer Rede "Regeln für den Menschenpark" (1999) über Humanismus, Heidegger und Gentechnik verdächtigte, einer menschenverachtenden Züchtungsideologie das Wort zu reden. Damals bezeichnete er in einem ebenso grundzornigen wie komischen Zeitungsartikel die Polemiken seiner Angreifer als das "Schnattern der kapitolinischen Gänse", die "Angst vor den Galliern haben". Wenn Sloterdijk heute noch, da er im Ausland längst als wichtigster deutscher Philosoph neben Jürgen Habermas anerkannt ist und dort ausführlich rezipiert wird, überhaupt noch Grund hat, zornig zu sein, dann versteht er es, die Zornkräfte geschickt zu nutzen.

Seit dem "Menschenpark"-Eklat hat er vier Bücher, fast dreitausend Seiten philosophischer Prosa, veröffentlicht. Das Thymotische ist die zentrale Begriffsprägung in "Zorn und Zeit": Griechisch "thymós" heißt das Organ, das nach der Säftelehre der antiken Medizin für die zornige Aufwallung verantwortlich ist. Sloterdijk stellt in "Zorn und Zeit" den Thymós dem Eros an die Seite und will damit die Anthropologie der Psychoanalyse korrigieren, die den Menschen bisher nur als "Hampelmann der Liebe porträtierte" - als hormongebeuteltes Sexmonstrum unter Sublimierungszwang. Zornig ist man nach Freud dann, wenn der Eros unzureichend sublimiert werde oder Liebesdinge in ihr haßerfülltes Gegenteil umschlügen. An der Psychoanalyse läßt Sloterdijk kaum ein gutes Haar: "Von Ferne weiß die kühlere Jugend unserer Tage noch, was es mit Narziß und Ödipus auf sich hatte - an ihren Schicksalen nimmt die dennoch eher gelangweilt Anteil. Sie sieht in ihnen keine Urbilder des Menschseins mehr, sondern bedauernswerte, im Grunde ziemlich belanglose Versager."

Mit der Einführung dieser zweiten Grundkraft neben dem Eros, dem Thymós, dem zornbildenden Trieb, hat Sloterdijk ein ebenso simples wie verblüffend stimmiges Schema für seinen "politisch-psychologischen Versuch" gefunden, wie "Zorn und Zeit" im Untertitel heißt. Psychologisch ist sein Essay im Sinne Nietzsches, der sich, wie heute Sloterdijk, als Diagnostiker der individuell wie kollektiv wirksamen Kränkungsfolgen, der "Ressentiments", verstand. Der Zorn reagiert bei Sloterdijk auf die psychischen Kräfte des Eros und erzeugt kulturbildende "Symptome" wie Stolz, Ambition, Ehre, Selbstbehauptungswillen, aber auch zerstörerische Kräfte wie Empörung, Aggression oder Kampfbereitschaft. Die "thymós-vergessene therapeutische Kultur" jedoch greife zu kurz, wenn sie zu der Vorstellung Zuflucht nehme, daß Thymotiker nichts anderes seien als Opfer eines neurotischen Komplexes.

Der Philosoph sitzt in dem winzigen Vorhof seines Hauses, des ehemaligen Pfarrhauses des Dorfes, zwischen großen Oleandern, die gerade so zwischen Gartentisch und Hofmauer passen. Er trinkt Tee, seine beste Schreibstimulanz - neben einer Cohiba ab und zu. Ob er zur Kompensation seiner thymotischen Kräfte heute noch irgendeine Meditationspraxis ausübe? "Fahrrad fahren. Sie haben einen Mann vor sich, der bei guter Kondition in drei Stunden den Gipfel des Mont Ventoux bezwingt." Körperliche Anstrengung sei ihm schon von Bhagwan Shree Rajneesh empfohlen worden, als er Ende der Siebziger in dessen Ashram war. Wie die meisten seines Alters habe auch er sein therapeutisches Jahrzehnt gehabt, aus dem aufzutauchen dann schließlich doch ein großes Aufatmen gewesen sei. Bhagwan habe den Persönlichkeiten, die eher für die Vita activa disponiert waren, die introspektiven Meditationstechniken empfohlen und denen, die wie er ohnehin auf die Kontemplation ausgerichtet waren, die eher körperlichen.

"Zorn und Zeit" bezieht sich auf Heideggers Hauptwerk, weil Sloterdijk den Zorn als zeitstiftende Kraft für mächtiger hält als Heideggers kryptotheologisches "Sein-zum-Tode". Bei diesem entspringt aus der Reflexion des Endes die "existentiale Zeit". Bei Sloterdijk ist der Zornige, der ein Racheziel hat, "der erste, der nicht nur in Geschichten lebt, sondern auch Geschichte macht": Das Dasein könne sich ebensogut daran orientieren, daß es als Ganzes "die Strecke von der Kränkung zur Rache durchläuft. Aus solcher Hingespanntheit auf den entscheidenden Augenblick entspringt die existentiale Zeit - und diese Stiftung eines Seins-zum-Ziele ist mächtiger als jede vage heroische Meditation des Endes."

Der explosive Mensch

Sloterdijk analysiert mit diesem Rüstzeug nun die großen kollektiven Zornphänomene der Geschichte. Daß er in seinem Durchgang durch die westliche Historie dabei Jakobinismus, Stalinismus und Faschismus direkt auf die monotheistischen Religionen folgen läßt, mag für manche anstößig erscheinen - für die, die Nietzsches Kritik von Platonismus, Judentum und Christentum nichts abgewinnen können. Aber bei genauerem Hinsehen würdigt Sloterdijk den biblischen Gerechtigkeitsgedanken ebenso wie das Liebesgebot des Christentums. Doch im Monotheismus kann sich eben auch das manifestieren, was Sloterdijk mit dem Begriff der "Zornbank" erklärt: Individuelle Zornpotentiale werden kollektiv organisiert und über Räume und Zeiten unheilvoll weitergegeben. Dabei verwendet Sloterdijk die Allegorie des Bankwesens für die institutionell gebündelten Zornprojekte. Der Zorn in seiner diffusen Anfangsgestalt wird von Zornbanken und -sparkassen zu höheren Organisationsgraden entwickelt. Dadurch entsteht aus individueller Emotion das politische Programm. Und mit der Zeit wird ein weltgeschichtliches Revolutionsprojekt zugunsten der Erniedrigten und Beleidigten wirksam.

Neben den revolutionären Bewegungen beschreibt er auch die monotheistischen Religionen als Zornbanken. - Was hält er selbst von der angeblichen Wiederkehr des Religiösen? Praktiziert er eine Religion? Der Philosoph tätschelt seinen Hund, mit dem seine Frau gerade Gassi gehen will. "Meiner Ansicht nach hat das Interesse an Religion die Religion selbst allmählich zu ersetzen. Übrigens: füllt sich ein Mensch dauerhaft mit Gott, wird er Fanatiker oder Psychotiker - er wird explosiv."

Der Monotheismus in seinen historischen Gestalten - nicht als philosophische Idee - funktionierte als "metaphysische Rachebank": Sintfluten, Apokalypsen, Höllenstrafen - die Droharsenale der prophetischen, apostolischen oder dschihadistischen Zornbänke sind prall gefüllt, auch wenn die beiden ersteren zumindest zwischenzeitlich befriedet scheinen und im 20. "Jahrhundert der Extreme" durch noch grausamere säkulare Zornanstalten ersetzt wurden. In einer pointierten Analyse des Links-Faschismus, den Sloterdijk mit den Jakobinern beginnen läßt und über den Marxismus-Leninismus-Stalinismus bis 1989 verfolgt, zeigt er ein Panorama der geschichtlichen Zornstrukturen, unterbrochen von Phasen der "zweiten Chancen und dritten Orte", sozusagen zum Ausruhen von der Geschichte.

Die frohe Botschaft Sloterdijks ist, daß die Geschichte als chronischer Wutanfall mit der Implosion der Zorn-Ideologien vorbei ist. Auch der militante Islamismus oder der "War against Terrorism" sind keine Ausnahme: "Das gleichzeitige Auftauchen des Terrorismus im Außenverhältnis der westlichen Zivilisation und einer neuen sozialen Frage in ihren Innenverhältnissen darf gerade nicht als Indiz für eine ,Rückkehr' der Geschichte verstanden werden. Der Modus vivendi des Westens und seiner Filialkulturen ist in den wesentlichen Punkten tatsächlich nachgeschichtlich in einem technischen Sinn (das heißt: formal nicht mehr am Epos und an der Tragödie orientierbar; pragmatisch nicht mehr auf den Erfolgen des unilateralen Aktionsstils aufzubauen) - und eine Alternative zu ihm, die Rückfälle in historische Drehbücher lancieren könnte, läßt sich beim gegenwärtigen Stand der Dinge nirgendwo erkennen."

Nach Sloterdijk ist das liberale, auf Koexistenz aufbauende "Weltsystem" etabliert, der Terrorismus ist tödlich-absurdes Medientheater von Leuten, die schlechte Verlierer sind. "Große Politik" geschehe heute ausschließlich noch "im Modus von Balanceübungen". Die geschichtliche Zeit war "Lernzeit für Zivilisierungen". Worauf zu hoffen ist, ist "ein Set von interkulturell verbindlichen Disziplinen" - eine "Weltkultur", die ihren Namen verdient.

Endlich ankommen in der Welt und nicht mehr nur Fremdling sein auf Erden - was für ein Traum. In Sloterdijks Hauptwerk, den drei kiloschweren Bänden der "Sphären", ging es um die metaphysische und terrestrische Wohnbarmachung der Welt. "Zorn und Zeit" zeigt die unappetitlichen Geburtswehen unseres Zeitalters der Nach-Geschichte. Der Philosoph Sloterdijk, dieser Spezialist in Dingen des Wohnens, macht noch eine kleine Führung durch sein schönes Provence-Häuschen, das sich nach hinten zu einem Terrassengarten öffnet, mit einem atemberaubenden Blick über die Ebene. Und er zeigt sein High-Tech-Mountain-Bike, mit dem er heute nachmittag noch eine Tour machen will.  

MARIUS MELLER

Peter Sloterdijk: "Zorn und Zeit - Politisch-psychologischer Versuch". Suhrkamp 2006.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 28

MfG
kiiwii
kiiwii: Operation Cicero
 
24.09.06 13:02
#3
Operation Cicero

Robert Harris' Roman "Imperium" erzählt von antiker Politik und hat die Gegenwart im Blick

Da steht er schon und guckt vorwurfsvoll, ein steinerner Gast in der Ecke des Arbeitszimmers. Marcus Tullius Cicero, eine Büste mitten in England. Der Schriftsteller hat am Dorfbahnhof in der Grafschaft Berkshire gewartet, wir sind auf dem alten Treidelpfad an einem Kanal entlanggegangen, über eine alte Steinbrücke, sehr idyllisch, hinein in das große ehemalige Pfarrhaus, die Putzfrau saugt, im Garten sind die Spuren der Kinder nicht zu übersehen, und Robert Harris' Frau Jill, die Schwester von Nick Hornby, will gerade mit dem Hund raus. "Wer will schon in London wohnen?" sagt Harris, der sich vor 13 Jahren, nach dem Erfolg von "Vaterland", dieses Haus gekauft und London den Rücken gekehrt hat.

Drei Weltbestseller später gefällt es dem 49jährigen hier noch immer. Harris hat sich in "Vaterland" vorgestellt, wie Hitler den Krieg gewann, er hat einen Thriller über eine britische Abhörstelle im Zweiten Weltkrieg geschrieben ("Enigma") und einen Skandal um Stalin ausgeheckt ("Aurora"). Und dann hat er Pompeji noch einmal untergehen lassen. "Ich hätte mich kaputtgelacht, wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde einen Roman über die Antike schreiben", sagt er. Nun sind's schon zwei. Aber warum bloß Cicero? Man zuckt ja noch immer zusammen. Die Reden gegen Verres - die reinste Folter. Und Catilina - wie lange will dieser Cicero denn noch unsere Geduld mißbrauchen? Der Schrecken des Lateinunterrichts als Romanheld in "Imperium"?

Ihn habe geärgert, wie der berühmte Theodor Mommsen "Caesar zum Supermann gemacht und Cicero mit den Worten abgetan hat, er sei ein Journalist der übelsten Sorte. Da wußte ich: Das ist mein Held", sagt Robert Harris und lacht. Aber im Grunde ist Amerika schuld an der verlängerten Zeitreise. Schon "Pompeji" war die Folge eines Scheiterns. Harris hatte sich mit einem Buch über die Vereinigten Staaten gequält, es funktionierte einfach nicht, nicht mal als politische Allegorie. Als er dann, noch vor 9/11, einen Artikel über neue Ausgrabungen in Pompeji las, paßte plötzlich alles zusammen. Ein Weltreich, von einer Naturkatastrophe erschüttert, "da läßt sich einiges sichtbar machen im Paralleluniversum der Alten Welt". Und die Parallelen gehen ihm nicht aus. Für die "Daily Mail" hat er kürzlich etwas geschrieben über die Attacke der Seeräuber auf die konsularische Flotte im Jahr 67 vor Christus. "Das war Roms 9/11", sagt der Kolumnist, der gerne eine Analogie auf die Spitze treibt.

"Imperium" steht derzeit in den Londoner Buchläden direkt neben den Autobiographien von Wayne Rooney und Frank Lampard, was Harris amüsiert, der die Fußballmanie seines Schwagers nicht teilt - "deshalb hat mich meine Frau geheiratet". "Imperium", das ist nicht das Römische Reich, sondern die politische Macht, die auf einen einzelnen übertragen wird. Und es ist die Politik, die das Denken von Robert Harris bewegt, der erst bei der BBC, dann beim "Observer" als Journalist arbeitete. Ciceros Leben, "das ist Politik in Aktion". Und bevor man noch fragen kann, warum sich "Imperium" auf die Jahre 79 bis 64 vor Christus beschränkt, obwohl Cicero erst 21 Jahre später ermordet wurde, spricht Harris schon von einer Trilogie: 1200 Seiten, Ciceros Leben als historischer Roman und als Panoramabild von Roms großer Krise.

Und in dieser römischen Republik des ersten Jahrhunderts vor Christus, da liegt der Stoff wenn nicht für einen politischen Thriller, dann doch für ein großes Drama: Bürgerkrieg, Intrigen, Mord und Macht. Es war die Zeit, als ein Weltreich mit einem politischen System, das auf einen Stadtstaat zugeschnitten war, an seine Grenzen stieß und in eine "Krise ohne Alternative" taumelte, wie das der Althistoriker Christian Meier genannt hat. Und es gab ein enormes Aufgebot an großen Gestalten: Pompeius, Caesar, Crassus, Cato, Catilina, Clodius - und eben Cicero. Der größte Redner, der gerissenste Anwalt, der ehrgeizige Aufsteiger ohne aristokratischen Hintergrund.

Harris bewundert Ciceros bösen Witz und Scharfsinn, seinen Mut und seinen Pragmatismus. "Cicero war immer der Außenseiter, er war immer latent bedroht, er hat sein eigenes Image entworfen und daran geglaubt, und all das macht ihn zu einer guten Romanfigur." Aber wer soll das lesen, trotz des erstaunlichen Erfolgs, den die hundert Millionen Dollar teure amerikanische Fernsehserie "Rom" gehabt hat? Politik von vor 2000 Jahren, kein Sex, kein Crime und keine Apokalypse?

Harris lächelt sorglos. Er hat ja immer die Gegenwart vor Augen. Die große Frage sei doch: "Wie kann man die einzige Supermacht sein und eine funktionierende Demokratie behalten?" Natürlich denkt er an Amerika, an das Zusammenspiel von Regierung, Geheimdiensten und militärisch-industriellem Komplex. Die römische Form der Republik sei doch sehr "sophisticated" gewesen, sagt er, "und man sieht, wie leicht man diese Eigenschaften verlieren kann. Aus der Ferne betrachtet, gibt es da interessante Muster." Und jenseits dessen gibt es die Faszination, auf der Basis von Ruinen und Quellen eine ganze Welt zu rekonstruieren. Es sei doch elektrisierend, sich das vorzustellen, die Tage der Stimmabgabe auf dem Forum, die Reden, die aufgeheizte Menge. Was man davon weiß, ist nur ein verblaßtes, fragmentiertes Fresko, das die historische Fiktion geradezu einlädt, es sich auszumalen.

Und der Alltag im republikanischen Rom? Harris winkt ab. "Wir lesen doch Catulls Liebesgedichte und spüren, daß sich soviel nicht verändert hat. Und wenn man ein Gespür für die Topographie des antiken Roms bekommen will, muß man sich die Gassen von Marrakesch ansehen, den Lärm, den Dreck, die Enge, den Luxus und die Stille hinter unauffälligen Türen." Es ist schon erstaunlich, wie selbstverständlich und geschmacklich sicher Harris diese Fragen behandelt. Mit der Hollywood-Antike aus falschem Marmor, gedrechselten Säulen und spartanisch möblierten Räumen hat das nichts zu tun. Und es gelingt ihm auch, den komplizierten politischen Apparat für Leser anschaulich werden zu lassen, die noch nie von Comitien oder Ädilen gehört haben. Man erfährt fast beiläufig, wie die Ämterlaufbahn aussah und wie die Abstimmungen funktionierten, welche Rolle Senat und Volksversammlung spielten, wie man sich einen Gerichtsprozeß vorstellen muß, wie Wählerstimmen gekauft, mit welchen Tricks Gesetze auf den Weg gebracht wurden. Es ist ein großes Politik-Theater, und deshalb ist es plausibel, daß Cicero nicht nur Rhetorikunterricht nahm, sondern auch im Theater die Schauspieler studierte. Harris hat das jedoch nicht auf diese dämliche Weise modernisiert, welche der Antike einfach Begriffe wie Revolution, Partei oder soziale Frage überstülpt. Da verzeiht man ihm auch, wenn er Cicero mal sagen läßt: "Schlafen können wir, wenn wir tot sind."

Die ideale Perspektive auf das alte Rom hat er allerdings erst spät gefunden. Da gab es schon mehr als sechshundert Manuskriptseiten und noch immer keine Erzählerstimme. Der onkelhafte Alleswisser-Ton kam nicht in Frage, und Cicero hat ja in seinen zahlreichen Schriften schon genug von sich gesprochen. Ein Nebendarsteller war die Rettung, Tiro, Ciceros rechte Hand, der Haussklave, der die erste Kurzschrift entwickelte und Ciceros Reden mitstenographierte. Dieser Tiro hat sogar eine nicht erhaltene Cicero-Biographie geschrieben, und insofern ist Harris' Lösung auch historisch zwingend. Tiro ist selber keine zentrale Figur, aber immer im Zentrum dabei, er kann sich Ironie leisten und nüchtern von Demütigungen berichten, wenn der Stratege Cicero sich ausgekontert sieht oder seine Prinzipien einer neuen Taktik unterordnet. Und ganz lakonisch heißt es gegen Ende: "Von jetzt an trug er permanent das zur Schau, was ich später sein ,Konsulgesicht' nannte." Obwohl Tiro manchmal zur Weitschweifigkeit neigt, ist "Imperium" ein Buch, das man verschlingt. Sogar der Prozeß gegen den korrupten Statthalter Verres, den Cicero mit sicherem Instinkt als Karrieresprungbrett nutzt, ist auf einmal spannend; man sieht, wie Cicero widerwillig in den Machtradius des Pompeius gerät, wie er sich in aller Schläue doch immer wieder in seinem Machtkalkül verrechnet, und man freut sich schon darauf, wie er sich im nächsten Buch als Konsul den Verschwörer Catilina vornehmen wird, in seiner großen Selbstinszenierung als letzter Wahrer republikanischer Werte.

Ja, so spannend kann Politik sein. Das ist nicht das Grau in Grau gesichtsloser Kommissionen, die stundenlang Kaffee trinken und hinterher von harten Kämpfen sprechen. "Es ist ein großes Theater", sagt Harris noch einmal, "voller Risiken, voller Adrenalin." Und während wir dann nach einem sehr britischen Mittagessen vorm Pub stehen und auf den Fahrer warten, der Harris zum Flughafen bringen soll, sagt er noch schnell, er habe nie Politiker werden wollen, "weil ich keine Lust habe, Leuten zu sagen, was sie tun sollen". Dann muß er los, auf große Lesereise, den Leuten sagen, was sie lesen sollen. Internationaler Bestsellerautor - wäre das nicht auch ein Job für Cicero gewesen? Robert Harris lacht und verschwindet im Wagen.  PETER KÖRTE

Robert Harris: "Imperium". Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne-Verlag.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 29


MfG
kiiwii
2teSpitze: Wie findest du denn
 
24.09.06 13:12
#4
noch Zeit zum Lesen? Bist doch ewig am Posten!

Spitze
kiiwii: der Tag hat bekanntlich 24 Stunden -
 
24.09.06 13:25
#5
und wenn es sein muß, doppelt soviel


MfG
kiiwii
Karlchen_II: Auch nicht schlecht...
 
24.09.06 13:33
#6
ostseebrise.: Die Formel, mit der man einen 24-Stunden-Tag
 
24.09.06 13:41
#7
auf sagen wir 38 bis 40 Stunden dehnen könnte, hätte ich auch gern...

;)
kiiwii: Karlchen ist ein √-Sepp
 
24.09.06 14:24
#8
MfG
kiiwii
der boardau.: kiwi - steht Quarkposten 24 std. lang nur dir zu? o. T.
 
24.09.06 14:30
#9
Talisker: Wenn manche komprimiert
 
24.09.06 14:37
#10
arbeiten können, können andere bestimmt auch komprimiert lesen.
Wenn sie nich gerade in der Oper sind.
Gruß
Talisker

 
Talkforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
RSS RSS-Feed
9 Nutzer wurden vom Verfasser von der Diskussion ausgeschlossen: Cashmasterxx, Dacapo, Depothalbierer, ecki, Happy End, Pate100, potzblitzzz, Sektionschef1, Talisker