Das Thema, über das ich jetzt hier zu Euch spreche, ist von besonderer Bedeutung für die ostdeutsche SPD. Die Tatsache daß jetzt endlich darüber gesprochen wird, ist insbesondere von sächsischen Genossinnen und Genossen initiiert worden. Sicher, wir sind eine geeinte, eine einige Sozialdemokratische Partei in Ost- und Westdeutschland geworden. Aber wir haben es uns allzu lange geleistet, unsere programmatischen Grundlagen auf dem Stand der Zeit der deutschen Teilung und der Blockkonfrontation zu belassen. CDU und FDP sind uns ja nicht in vielem voraus. Aber da waren sie uns voraus! Sie haben ihre Programme bereits der neuen Lage angepaßt
Wir hatten mit guten Argumenten 1990 und in den Folgejahren kritisiert, daß die deutsche Einigung nicht durch einen gemeinsam erarbeiteten, neuen Verfassungsakt besiegelt worden ist. Es ist gut, und es ist an der Zeit, daß wir nun endlich aus dem Berliner Programm ein Programm der ganzen Sozialdemokratie machen!
Ich bekenne mich ganz offen dazu, daß ich nicht zu denen gehört habe, die für eine komplette Programmrevision eingetreten sind. Wer länger mit Erhard Eppler zusammengearbeitet hat, der weiß einfach, daß eine solche Programmdiskussion viele Jahre intensivster, härtester Arbeit verlangt. Aber wir machen nicht Programme um des Papiers willen, sondern weil wir Visionen brauchen, Leitlinien, um Politik zu ändern. Deshalb war und ist es richtig, daß wir uns auf ein vorwärts weisendes Wahl- und Regierungsprogramm konzentriert haben. In diesem Jahr geht es nicht zuerst um ein neues Langfrist-Programm, in diesem Jahr geht es um die politische Macht in Deutschland!
Wer wollte im übrigen ernsthaft bestreiten, daß das Berliner Programm immer noch genügend Ideen, Visionen liefert, in weiten Teilen ein Programm auf der Höhe der Zeit ist? Wie kein anderes Grundsatzprogramm einer politischen Partei in Deutschland benennt es die Herausforderungen einer globalisierten Weltgesellschaft. Wir treten doch heute, in diesem Jahr mit Gerhard Schröder erst wirklich, mit Machtwillen und Entschlossenheit an, für eine "freie, gerechte und solidarische Gesellschaft" zu kämpfen, wie es zentral in diesem Programm heißt. Und gegen eine Politik der sozialen Kälte und der Ellbogengesellschaft, wie sie nach 16 Jahren Kohl zur traurigen Wirklichkeit geworden ist!
Aber heute schließen wir die wichtigste Lücke in unserem Parteiprogramm. Schaut hinein in den Text auf Seite 7. Mit Recht war da bislang für die Nachkriegszeit nur von der Sozialdemokratie im Westen Deutschlands die Rede, denn in der DDR gab es sie nicht mehr. Aber nun ist sie auch im Osten so lebendig, wie wir es uns 1989 wohl kaum hätten träumen lassen. Sie ist drauf und dran, zur bestimmenden Kraft in allen ostdeutschen Ländern zu werden! Deshalb ist es an der Zeit, auch in diesem Grundsatzprogramm wieder daran zu erinnern, daß es bis 1946 eine starke und selbstbewußte SPD in der SBZ gab, die nur mit den Mitteln des Zwangs in die Einheitspartei gepreßt und schließlich aus dem politischen Leben der DDR ausradiert werden konnte. Nur in Ostberlin konnte die Partei dank mutiger Sozialdemokraten weiterwirken.
Wir benennen die Opfer der stalinistischen Repression und bekennen uns zu ihnen! Wir finden klare Worte zur Rolle der sozialdemokratischen Ost- und Entspannungspolitik, wie sie von Willy Brandt und Helmut Schmidt verantwortet wurde. Sie hat Spielräume eröffnet und die Mauer durchlässiger gemacht.
Vor allem aber würdigen wir den mutigen Schritt derjenigen, die es in Schwante im Herbst 1989 als erste wagten, dem Allmachtsanspruch der SED die Gründung einer neuen Partei entgegenzusetzen. Wir haben dazu Formulierungen gewählt, die dieses "entschiedenste Zeichen" würdigen, aber jedweden Alleinvertretungs- oder Vormachtsanspruch gegenüber den Bürgerbewegungen vermeiden. Hier hatte es im Vorfeld des Parteitages öffentlich Irritationen gegeben. Nein, wir wollen deren Engagement und deren Mut nicht schmälern.
Aber wir sagen deutlich und selbstbewußt: Mit der sozialdemokratischen Parteigründung lebten für die SED-Altherrenriege die Befürchtungen über einen Gegner auf, der ihnen am gefährlichsten erschien. Gegängelte Liberale und Christdemokraten - das war die SED bereit zu tolerieren. Der schlimmste Feind aber blieb der "Sozialdemokratismus", der mußte durch Verbot in der Illegalität gehalten werden.
Diese Leipziger Ergänzung unseres Grundsatzprogramms ist eine bewußte und gewollte Hinwendung zu unseren vielen Mitgliedern, Sympathisanten wie Wählerinnen und Wählern in Ostdeutschland. Wir sagen es mit Stolz: "Die ostdeutschen Sozialdemokraten... machen die Gesamtpartei reicher durch ihre schwierigen Erfahrungen in der Diktatur, ihre friedfertige Standhaftigkeit und die Glaubwürdigkeit ihres Neuanfangs."
Darum ging es mir besonders wie Ihr merkt: In unser Parteiprogramm ein Stück ostdeutsches-sozialdemokratisches Selbstbewußtsein einzutragen. Deshalb ist es so wichtig, dieses Zeichen von heute, daß die SPD endlich programmatisch sagt: Wir sind eine gesamtdeutsche Partei, zusammengewachsen aus zwei eigenständigen Teilen in West und Ost!
Wir haben mit diesem Texteinschub schließlich den meines Erachtens gelungenen Versuch gemacht, Lehren aus den revolutionären Umwälzungen der Jahre 1989 bis 1991 in Europa zu ziehen.
Selbst wenn sich hier oder da noch Parteien dieses Namens tummeln: Die Epoche des partei- und staatgewordenen Kommunismus in Europa ist vorbei. Für viele von uns mag es wie die Wiederholung einer Selbstverständlichkeit erscheinen. Aber sie ist es für viele außerhalb unserer Partei nicht gewesen. Und wir wollen, daß viele den Weg zu uns finden, wenn wir sagen: "Das Ziel einer freien, gerechten und solidarischen Gesellschaftsordnung ist für alle Zukunft nicht von der Garantie der Menschenrechte als Voraussetzung politischer und sozialer Gleichheit zu trennen."
In den Ländern Mittel- und Osteuropas - ich muß es Euch nicht im einzelnen darlegen - hat die Herrschaft des "Parteikommunis-mus" eine zerstörte Zivilgesellschaft und ein parteipolitisches Vakuum hinterlassen. Mit unseren Programmformulierungen bekräftigen wir das, was im Rahmen der Sozialistischen Internationale und der europäischen sozialdemokratischen Bewegung schon gute Praxis ist: Wir sind offen für die Zusammenarbeit mit all denen, die zu einem wirklichen Wandel bereit sind, die offen, ehrlich und nachvollziehbar ihren Weg zur Sozialdemokratie suchen.
Die meisten von Euch wissen, daß die von mir geleitete Grundwertekommission zunächst einen weiteren Beschlußtext, nämlich zum außen-, sicherheits- und deutschlandpolitischen Kapitel unseres Grundsatzprogramms vorgelegt hatte. Und ich sage ganz offen: Ich hätte es konsequenter gefunden, wenn wir die Kraft und die Einsichtsfähigkeit auf breiter Basis gehabt hätten, auch diesen anachronistischen Programmbestandteil zu korrigieren. Schaut hinein, und Ihr werdet feststellen, daß hier noch die Welt der achtziger Jahre beschrieben wird.
Wir, das Präsidium und der Parteivorstand haben einsehen müssen, daß eine Revision dieses Kapitels ohne eine längere Diskussions- und Vorlaufphase nicht machbar war. So bleibt es auf diesen Feldern bei der Positionsbestimmung, die der Hannoveraner Bundesparteitag im vergangenen Dezember mit breiten Mehrheiten vorgenommen hat. Wir sollten gleichwohl die Zeit bis zum nächsten ordentlichen Parteitag nutzen, um auch diesen Programmteil auf die Höhe der Zeit zu bringen. Denn dann könnten wir wirklich sagen: Die SPD geht mit den Leitlinien dieses Programms ins nächste Jahrhundert.
Wir, Grundwertekommission, Parteivorstand, Parteirat und Antragskommission haben Euch heute einen Text zur Verabschiedung vorgelegt, der in langen Diskussionen mit den unterschiedlichsten Beteiligten abgewogen und abgestimmt worden ist. Insbesondere unsere Freunde aus Sachsen waren daran intensiv beteiligt. Laßt uns mit einem klaren Abstimmungsergebnis für diesen Antrag dafür sorgen, daß ein gutes Signal von diesem Parteitag in die ostdeutschen Länder in Deutschland ausgeht: Die SPD nimmt ihre Herausforderung als gesamtdeutsche Partei an. Sie ist die führende politische Kraft im Osten Deutschlands. Sie stellt im Oktober einen Bundeskanzler, der die Unterstützung auch der Mehrheit der Menschen östlich der Elbe hat. Ab heute gilt ihr Berliner Grundsatzprogramm in der Fassung von Leipzig!
Ich danke Euch!
STOP.++
..
www.eklein.de