Nach Angriff auf Beit Hanun im Gazastreifen mit 19 Toten stimmte Israel große Entschuldigungs- und Rechtfertigungsarie an
Dankt Gott für die amerikanischen Wahlen«, seufzten die Minister und Generäle erleichtert auf. Sie freuten sich nicht über den Fußtritt in den Hintern, den das amerikanische Volk George W. Bush verabreichte. Sie lieben Bush. Aber wichtiger als die Abfuhr, die Bush erteilt wurde, ist die Tatsache, daß die Nachrichten aus Amerika die schrecklichen Berichte über das, was in Beit Hanun geschehen war, beiseite schoben. Statt Schlagzeilen zu machen, wurden sie ganz unten auf die Zeitungsseite gedrängt.
Die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, ist der erste bedeutende revolutionäre Akt, sagte Rosa Luxemburg. Wie soll man also das benennen, was in Beit Hanun am vergangenen Mittwoch geschah? »Ein Unglücksfall«, sagte eine hübsche Fernsehansagerin in einem der TV-Programme. »Tragödie«, sagte ihre ebenfalls hübsche Kollegin auf einem anderen Kanal. Eine dritte, die nicht weniger attraktiv war, schwankte zwischen »Vorfall«, »Fehler« und »Unfall«.
Es war tatsächlich ein Unglück, eine Tragödie und ein Unfall. Aber vor allem war es ein Massaker, ein M-a-s-s-a-k-e-r. 19 Menschen starben.
Das Wort »Unglücksfall« läßt an etwas denken, wofür niemandem die Schuld gegeben werden kann – wie z.B. ein Blitzschlag. Eine Tragödie ist ein trauriges Geschehen oder eine Situation wie die der Einwohner von New Orleans nach der Flutkatastrophe. Das Geschehen in Beit Hanun war tatsächlich traurig, aber keine Tat Gottes, es war eine Tat, die Menschen beschlossen und ausgeführt haben.
Unmittelbar, nachdem die Fakten bekannt wurden, trat der ganze Chor der professionellen Apologeten und Rechtfertiger auf und die, die ihr Bedauern ausdrücken und Vorwände erfinden, ein Chor, der in solchen Fällen in fieberhafte Aktion tritt. »Ein unglückseliger Irrtum... er kann in der besten Familie passieren... der Mechanismus eines Geschützes kann falsch funktionieren... Menschen können Fehler machen... Errare humanum est, Irren ist menschlich... wir feuerten Zehntausende Artilleriegranaten ab, und es gab nur drei Unfälle. Aber wir entschuldigten uns doch! Was verlangen sie denn noch von uns?«
Es gab auch Argumente wie »Sie sind selbst schuld!« Wie üblich: Die Schuld liegt beim Opfer. Die kreativste Erklärung kam vom stellvertretenden Verteidigungsminister Ephraim Sneh: »Die praktische Verantwortung liegt bei uns, aber die moralische bei ihnen.« Wenn sie Qassam-Raketen abschießen, was können wir anderes tun, als mit Granaten reagieren?
Jeder Gedanke einer Gleichsetzung von Qassams und Artilleriegranaten, der sogar von einigen Peacenics gemacht wurde, ist vollkommen falsch. Und nicht nur deshalb, weil es keine Symmetrie zwischen Besatzern und Besetzten gibt. Hunderte von abgefeuerten Qassams, die seit mehr als einem Jahr abgefeuert wurden, haben einen einzigen Israeli getötet. Die israelischen Granaten, Raketen und Bomben haben Hunderte von Palästinensern getötet.
Haben die Granaten in Beit Hanun die Wohnungen der Leute absichtlich getroffen? Da gibt es nur zwei mögliche Antworten:
Die extreme Version: Ja. Die Folge der Ereignisse weist in diese Richtung. Die israelische Armee, eine der modernsten in der Welt, hat keine Antwort auf die Qassams, eine der primitivsten Waffen. Diese Kurzstreckenrakete, die nach dem ersten palästinensischen Kämpfer Az-al-Din al-Qassam genannt wird, der 1935 in einem Gefecht gegen die britische Mandatsregierung fiel, ist kaum mehr als ein selbstgebasteltes mit hausgemachten Explosivstoffen gefülltes Rohr.
In einem aussichtslosen Versuch, das Abfeuern von Qassams zu verhindern, fällt das israelische Militär regelmäßig in die Städte und Dörfer des Gazastreifens ein und übt dort eine Terrorherrschaft aus. Anfang November fiel das Militär in Beit Hanun ein und tötete mehr als 50 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. In dem Augenblick, in dem Israels Soldaten Beit Hanun verließen, feuerten die Palästinenser so viel wie möglich an Qassams nach Askalon, um zu beweisen, daß diese Überfälle sie nicht abschrecken.
Die Frustration der Generäle wächst auf diese Weise weiter. Askalon ist keine entlegene und von Armut geplagte kleine Stadt wie Sderot, deren Einwohner marokkanischen Ursprungs sind. In Askalon lebt auch eine elitäre Bevölkerung, europäischer Herkunft. Die Armeechefs, die ihre Ehre im Libanon-Krieg verloren haben, waren – nach dieser Version – sehr darum bemüht, den Palästinensern ein für alle Mal eine Lektion zu erteilen, entsprechend einem israelischen Sprichwort: »Wenn Gewalt nichts hilft, gebrauche noch mehr Gewalt«.
Der anderen Version zufolge war es tatsächlich ein technischer Fehler, ein verhängnisvoller Defekt in der Zielvorrichtung. Aber der Kommandeur einer Armee weiß sehr wohl, daß eine gewisse Häufigkeit von Fehlern unvermeidbar ist. Derjenige, der entschieden hat, die für ihre Ungenauigkeit bekannte Munition gegen ein Ziel in der Nähe von Zivilpersonen anzuwenden, weiß, daß diese tödlicher Gefahr ausgesetzt sind. Deshalb gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Versionen. Wem muß also die Schuld zugeschoben werden? Zunächst einmal der gleichgültigen Haltung, die sich in der Armee breitgemacht hat. Vor noch nicht langer Zeit enthüllte Gideon Levy in der Zeitung Haaretz, daß ein Bataillonskommandeur seine Soldaten nach dem Töten von zwölf Palästinensern mit folgenden Worten gelobt habe: »Wir haben 12:0 gewonnen.«
Schuldig sind natürlich die Artilleristen und ihre Kommandeure, einschließlich ihres Vorgesetzten. Und der General, der für das Südliche Kommando zuständig ist, Yoav Gallant, der sich gleichgültig gibt und sich mit scheinheiligen Plattitüden herausredet. Und der stellvertretende Generalstabschef. Und der Generalstabschef Dan Halutz, der Luftwaffengeneral, der bei einem ähnlichen Vorfall sagte, daß er nachts gut schlafen könne, nachdem er eine Eintonnen-Superbombe über ein Wohngebiet abgeworfen hatte. Und natürlich der Verteidigungsminister Amir Peretz, der die Anwendung der Artillerie genehmigte, nachdem er sie schon einmal verboten hatte – d.h. also, daß ihm die voraussehbaren Konsequenzen bewußt waren.
Der Schuldigste von allen aber ist der große Apologet: Ehud Olmert, der Ministerpräsident. Olmert protzte vor kurzem mit dem klugen Verhalten der Regierung: »Es war uns möglich, Hunderte von Terroristen zu töten – und die Welt hat nicht reagiert.«
Olmert sagt, er könne so weiter machen, da die Welt dazu schweigt. Die USA machten am Wochenende von ihrem Vetorecht Gebrauch und stoppten eine sehr sanfte Resolution des UN-Sicherheitsrates gegen das Geschehen in Beit Hanun. Heißt das, daß die Regierungen in aller Welt – Amerika, Europa, die arabische Staaten – an dem Verbrechen in Beit Hanun mitschuldig sind? Das kann am besten von deren Bürgern dieser Länder selbst beantwortet werden.
(jw)
Dankt Gott für die amerikanischen Wahlen«, seufzten die Minister und Generäle erleichtert auf. Sie freuten sich nicht über den Fußtritt in den Hintern, den das amerikanische Volk George W. Bush verabreichte. Sie lieben Bush. Aber wichtiger als die Abfuhr, die Bush erteilt wurde, ist die Tatsache, daß die Nachrichten aus Amerika die schrecklichen Berichte über das, was in Beit Hanun geschehen war, beiseite schoben. Statt Schlagzeilen zu machen, wurden sie ganz unten auf die Zeitungsseite gedrängt.
Die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, ist der erste bedeutende revolutionäre Akt, sagte Rosa Luxemburg. Wie soll man also das benennen, was in Beit Hanun am vergangenen Mittwoch geschah? »Ein Unglücksfall«, sagte eine hübsche Fernsehansagerin in einem der TV-Programme. »Tragödie«, sagte ihre ebenfalls hübsche Kollegin auf einem anderen Kanal. Eine dritte, die nicht weniger attraktiv war, schwankte zwischen »Vorfall«, »Fehler« und »Unfall«.
Es war tatsächlich ein Unglück, eine Tragödie und ein Unfall. Aber vor allem war es ein Massaker, ein M-a-s-s-a-k-e-r. 19 Menschen starben.
Das Wort »Unglücksfall« läßt an etwas denken, wofür niemandem die Schuld gegeben werden kann – wie z.B. ein Blitzschlag. Eine Tragödie ist ein trauriges Geschehen oder eine Situation wie die der Einwohner von New Orleans nach der Flutkatastrophe. Das Geschehen in Beit Hanun war tatsächlich traurig, aber keine Tat Gottes, es war eine Tat, die Menschen beschlossen und ausgeführt haben.
Unmittelbar, nachdem die Fakten bekannt wurden, trat der ganze Chor der professionellen Apologeten und Rechtfertiger auf und die, die ihr Bedauern ausdrücken und Vorwände erfinden, ein Chor, der in solchen Fällen in fieberhafte Aktion tritt. »Ein unglückseliger Irrtum... er kann in der besten Familie passieren... der Mechanismus eines Geschützes kann falsch funktionieren... Menschen können Fehler machen... Errare humanum est, Irren ist menschlich... wir feuerten Zehntausende Artilleriegranaten ab, und es gab nur drei Unfälle. Aber wir entschuldigten uns doch! Was verlangen sie denn noch von uns?«
Es gab auch Argumente wie »Sie sind selbst schuld!« Wie üblich: Die Schuld liegt beim Opfer. Die kreativste Erklärung kam vom stellvertretenden Verteidigungsminister Ephraim Sneh: »Die praktische Verantwortung liegt bei uns, aber die moralische bei ihnen.« Wenn sie Qassam-Raketen abschießen, was können wir anderes tun, als mit Granaten reagieren?
Jeder Gedanke einer Gleichsetzung von Qassams und Artilleriegranaten, der sogar von einigen Peacenics gemacht wurde, ist vollkommen falsch. Und nicht nur deshalb, weil es keine Symmetrie zwischen Besatzern und Besetzten gibt. Hunderte von abgefeuerten Qassams, die seit mehr als einem Jahr abgefeuert wurden, haben einen einzigen Israeli getötet. Die israelischen Granaten, Raketen und Bomben haben Hunderte von Palästinensern getötet.
Haben die Granaten in Beit Hanun die Wohnungen der Leute absichtlich getroffen? Da gibt es nur zwei mögliche Antworten:
Die extreme Version: Ja. Die Folge der Ereignisse weist in diese Richtung. Die israelische Armee, eine der modernsten in der Welt, hat keine Antwort auf die Qassams, eine der primitivsten Waffen. Diese Kurzstreckenrakete, die nach dem ersten palästinensischen Kämpfer Az-al-Din al-Qassam genannt wird, der 1935 in einem Gefecht gegen die britische Mandatsregierung fiel, ist kaum mehr als ein selbstgebasteltes mit hausgemachten Explosivstoffen gefülltes Rohr.
In einem aussichtslosen Versuch, das Abfeuern von Qassams zu verhindern, fällt das israelische Militär regelmäßig in die Städte und Dörfer des Gazastreifens ein und übt dort eine Terrorherrschaft aus. Anfang November fiel das Militär in Beit Hanun ein und tötete mehr als 50 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. In dem Augenblick, in dem Israels Soldaten Beit Hanun verließen, feuerten die Palästinenser so viel wie möglich an Qassams nach Askalon, um zu beweisen, daß diese Überfälle sie nicht abschrecken.
Die Frustration der Generäle wächst auf diese Weise weiter. Askalon ist keine entlegene und von Armut geplagte kleine Stadt wie Sderot, deren Einwohner marokkanischen Ursprungs sind. In Askalon lebt auch eine elitäre Bevölkerung, europäischer Herkunft. Die Armeechefs, die ihre Ehre im Libanon-Krieg verloren haben, waren – nach dieser Version – sehr darum bemüht, den Palästinensern ein für alle Mal eine Lektion zu erteilen, entsprechend einem israelischen Sprichwort: »Wenn Gewalt nichts hilft, gebrauche noch mehr Gewalt«.
Der anderen Version zufolge war es tatsächlich ein technischer Fehler, ein verhängnisvoller Defekt in der Zielvorrichtung. Aber der Kommandeur einer Armee weiß sehr wohl, daß eine gewisse Häufigkeit von Fehlern unvermeidbar ist. Derjenige, der entschieden hat, die für ihre Ungenauigkeit bekannte Munition gegen ein Ziel in der Nähe von Zivilpersonen anzuwenden, weiß, daß diese tödlicher Gefahr ausgesetzt sind. Deshalb gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Versionen. Wem muß also die Schuld zugeschoben werden? Zunächst einmal der gleichgültigen Haltung, die sich in der Armee breitgemacht hat. Vor noch nicht langer Zeit enthüllte Gideon Levy in der Zeitung Haaretz, daß ein Bataillonskommandeur seine Soldaten nach dem Töten von zwölf Palästinensern mit folgenden Worten gelobt habe: »Wir haben 12:0 gewonnen.«
Schuldig sind natürlich die Artilleristen und ihre Kommandeure, einschließlich ihres Vorgesetzten. Und der General, der für das Südliche Kommando zuständig ist, Yoav Gallant, der sich gleichgültig gibt und sich mit scheinheiligen Plattitüden herausredet. Und der stellvertretende Generalstabschef. Und der Generalstabschef Dan Halutz, der Luftwaffengeneral, der bei einem ähnlichen Vorfall sagte, daß er nachts gut schlafen könne, nachdem er eine Eintonnen-Superbombe über ein Wohngebiet abgeworfen hatte. Und natürlich der Verteidigungsminister Amir Peretz, der die Anwendung der Artillerie genehmigte, nachdem er sie schon einmal verboten hatte – d.h. also, daß ihm die voraussehbaren Konsequenzen bewußt waren.
Der Schuldigste von allen aber ist der große Apologet: Ehud Olmert, der Ministerpräsident. Olmert protzte vor kurzem mit dem klugen Verhalten der Regierung: »Es war uns möglich, Hunderte von Terroristen zu töten – und die Welt hat nicht reagiert.«
Olmert sagt, er könne so weiter machen, da die Welt dazu schweigt. Die USA machten am Wochenende von ihrem Vetorecht Gebrauch und stoppten eine sehr sanfte Resolution des UN-Sicherheitsrates gegen das Geschehen in Beit Hanun. Heißt das, daß die Regierungen in aller Welt – Amerika, Europa, die arabische Staaten – an dem Verbrechen in Beit Hanun mitschuldig sind? Das kann am besten von deren Bürgern dieser Länder selbst beantwortet werden.
(jw)