Bruttoinlandsprodukt legte um 1,0 Prozent zu
Volkswirte wollen Prognose erhöhen
Getragen vom Export ist die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal so stark gewachsen wie seit vier Jahren nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte saison- und kalenderbereinigt real um 1,0 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu, berichtete das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden.
HB WIESBADEN. Solch einen starken Anstieg hat es seit Anfang 2001 nicht mehr gegeben. „Es ist ein überraschend gutes Ergebnis“, sagte ein Statistiker. Die meisten Institute und Großbanken hatten nur ein halb so großes Wachstum von 0,5 Prozent vorausgesagt. Im vierten Quartal 2004 war die Wirtschaft noch um 0,1 Prozent geschrumpft.
Einige Volkswirte kündigten an, ihre Prognosen für das Gesamtjahr nun wieder nach oben revidieren zu wollen. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hatten erst kürzlich ihre Prognose für 2005 von 1,5 auf 0,7 Prozent halbiert, die Bundesregierung hatte ihre Schätzung von 1,6 auf 1,0 Prozent gesenkt.
Von einem Aufschwung oder einem Anspringen der Konjunktur wollten die Experten aber nicht sprechen. „Die deutsche Wirtschaft hat einen guten Start ins Jahr hingelegt“, sagte Andreas Rees von der Hypo-Vereinsbank, der seine Prognose für das Gesamtjahr auf 1,1 von 0,8 Prozent erhöhte. Doch Aussagen der Statistiker zu den Details trübten das Bild: Während die Exporte kräftig zulegten, seien die Importe gesunken. Im Inland wuchsen allein die Investitionen. „Die Wachstumsaussichten sind immer noch sehr labil“, sagte Niklasch. „Mir wäre es lieber gewesen, wenn nicht der Export, sondern der Konsum für das Wachstum verantwortlich gewesen wäre.“ Details zur Wirtschaftsentwicklung will das Statistikamt am 24. Mai veröffentlichen.
Das Bundeswirtschaftsministerium erkannte dennoch erste Zeichen für eine Belebung der Binnennachfrage. „Die Ergebnisse des ersten Quartals sind eine Ermutigung auf dem Weg der wirtschaftlichen Erholung, die langsam, aber sicher an Breite und Tiefe gewinnt“, erklärte Clement. Das Wachstum stehe nach den industriellen Restrukturierungen der letzten Jahre auf dem soliden Fundament einer hohen Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. „Deshalb bin ich zuversichtlich, dass sich das Wachstum bald auch in mehr Beschäftigung abbilden wird“, fügte Clement hinzu.
Auch Rees sah Deutschland nicht mehr nur am Tropf der Weltwirtschaft hängen: „Es gibt Lebenszeichen aus der Binnenwirtschaft, zumindest bei den Investitionen.“ Einig waren sich die Experten, dass sich das starke Wachstum im zweiten Quartal nicht wiederholen dürfte. „Insgesamt dürften wir uns im zweiten Quartal nahe Stagnation bewegen“, sagte Jürgen Michels von der Citigroup. Rees erwartet sogar als Gegenbewegung ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent.
Die Analysten der Commerzbank äußerten dagegen mehr Zuversicht: „Um die Wirtschaft steht es insgesamt nicht so schlecht, wie viele nach dem vierten Quartal gedacht hatten“, sagte Matthias Rubisch. „Wir glauben trotz der schlechten Stimmung nicht, dass es im zweiten Quartal zu einem Einbruch kommt und erwarten 0,3 Prozent Wachstum.“ Vor allem das verschlechterte Ifo-Geschäftsklima und die schlechte Stimmung der Verbraucher hatten zuletzt die Sorge geschürt, die Konjunktur könnte nach dem starken Start ins Jahr abknicken.
In den ersten drei Monaten wurde das Wachstum nach Angaben der Statistiker ausschließlich vom Export getragen. In den ersten drei Monaten lagen die Ausfuhren knapp fünf Prozent über dem Vorjahr. Der Exportüberschuss habe ein deutliches Plus aufgewiesen, meldeten die Statistiker. Dagegen blieb die Binnenkonjunktur weiter schwach. „Der private Konsum ist nach unten gegangen und hat nicht zum Wachstum beigetragen“, sagte ein Statistiker. Auch die staatlichen Konsumausgaben und Bau-Investitionen stagnierten. Lediglich die Unternehmen investierten mehr in Ausrüstungen und sonstige Anlagen. Im Vergleich zum Vorjahr blieb die Wirtschaftsleistung im ersten Vierteljahr dagegen unverändert. Rechnet man den Kalendereffekt heraus, hätte das Wachstum laut Bundesamt aber gut ein Prozent betragen. Im ersten Quartal 2005 standen zwei Arbeitstage weniger zur Verfügung als im ersten Quartal 2004.
Die Wirtschaftsleistung wurde im ersten Quartal 2005 von 38,6 Millionen Erwerbstätigen erbracht, das waren 0,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Detaillierte Ergebnisse gibt das Statistische Bundesamt am 24. Mai bekannt.
HANDELSBLATT, Donnerstag, 12. Mai 2005, 10:58 Uhr