deutschen Sprache. Gerade Anglizismen transportieren weit mehr als ihre analogen deutschen Begriffe - eine Art Lebensgefühl.
Siehe auch folgenden Beitrag:
Vom Sinn und Unsinn der Fremdwörter (1)
Der Einfluß des Englischen auf andere europäische Sprachen wird im Mai Thema einer interdisziplinären Vortragsreihe mit Podiumsdiskussionen mit dem symptomatischen Titel "Franglais, Deutschlisch und Russglijkij" sein. dieUniversitaet.at veröffentlicht vorweg das Programm und in einer zweiteiligen Serie Überlegungen des Germanisten Richard Schrodt zur Frage, warum es in der Kommunikation überhaupt Stolpersteine wie Anglizismen gibt.
Richard Schrodt am 20.04.2001
Eine Frage ...
Anglizismen sind potenzielle Stolpersteine im sprachlichen Alltag: Das wird wohl niemand leugnen. Der Gedanke liegt nahe, diese Stolpersteine radikal zu beseitigen. Die freie Bahn zum richtigen Verständnis wird gefordert. Diese freie Bahn, so wird behauptet, darf keine anstößigen Fremdlinge enthalten. Deshalb werden Vereine gegründet, Symposien abgehalten, Bücher geschrieben, Internetseiten gestaltet. Es ist kein Thema aus dem Elfenbeinturm der Germanistik: Für Sprachkritik und Sprachpflege engagiert sich eine interessierte Öffentlichkeit. Darüber könnte man froh sein, geht es doch um einen guten Zweck, die Sicherung der Kommunikation.
Da mag es erstaunlich sein, dass aus den Reihen der Fachwissenschaft zur Besonnenheit gemahnt wird: Nicht das Fremdwort sei das Problem, sondern das Fachwort (oft in Gestalt eines Fremdwortes). Fremdwörter sind für das Funktionieren der Sprache wichtig, weil sie die notwendigen Bedeutungsdifferenzierungen im Wortschatz signalisieren; Fremdwörter zeigen einen sozialsymbolischen Mehrwert an, der gerade für einen konkreten Kommunikationsakt wichtig sein kann; aus soziologischer Sicht ist die traditionelle Grenze zwischen Erbwort und Fremdwort fragwürdig.
Vielleicht ist das Deutsche überhaupt eine Mischsprache, für die sprachliche Reinheit nicht gefordert werden darf. Daran schließt sich die Frage an, ob es überhaupt eine "reine" Kultursprache geben kann - das Altgriechische enthält Wörter aus den "barbarischen" nicht-griechischen Sprachen, das Latein Wörter aus dem Griechischen, und schon das Altindische hatte Wörter aus den umliegenden nicht-indogermanischen Sprachen übernommen. Es ist leicht, manchen fremdwortpuristischen Strömungen einen unangemessenen Sprachnationalismus nachzuweisen. Dennoch gerät manchen die Permissivität der Sprachwissenschaft zur Libertinage: Die Stolpersteine gibt es ja, die Anstößigkeit ist vorhanden, die Kommunikation kann problematisch werden.
Es lohnt sich also, die Frage neu zu stellen: Warum gibt es überhaupt Stolpersteine in der Kommunikation? Wir stehen vor einem Paradox: Alle Erklärungen des Sprachwandels laufen darauf hinaus, dass sprachliche Veränderungen die Kommunikation erleichtern. Längeres wird gekürzt, Überflüssiges beseitigt, Unähnliches ähnlich gemacht, Wechselndes ausgeglichen. Da wird tatsächlich alles, das der Kommunikation hinderlich ist, aus dem Weg geräumt. Warum und wie kann noch etwas übrig bleiben?
... und zwei Antworten ...:
1. Der sozialsymbolische Mehrwert
Ich sehe zwei Gründe dafür. Der erste ist der sozialsymbolische Mehrwert. Karl Bühler hat in seinem Kommunikationsmodell darauf hingewiesen, dass bei der Übermittlung einer Nachricht nicht nur ein bestimmter Inhalt dargestellt, sondern auch das Verhalten des/der Empfängers/In gesteuert wird sowie die Intentionen des/der Senders/In (Ausdrucksfunktion) vermittelt werden. Ich vergleiche diese Funktionen mit dem Begriff der "analogen Kommunikation" nach Paul Watzlawik und sehe den sozialsymbolischen Mehrwert als metaphorische Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Signal und Referent, hier also zwischen dargestelltem Inhalt und sprachlicher Gestalt: Das Fremdwort signalisiert mit seiner Auffälligkeit eine besondere Art der Beziehung, einen menschlichen Wert, der ebenfalls kommuniziert und insofern dargestellt wird und um den es vielleicht im konkreten Kommunikationsakt besonders geht. Die Aufschrift auf einem Kleidergeschäft "Casual Wear" signalisiert mir (Jahrgang 1948), dass ich dort nichts (mehr) zu suchen und zu finden habe. Es ist eben Freizeitkleidung für modebewusste junge Menschen mit einem bestimmten Lebensstil und nicht für (nur im Prinzip!) akademische Krawattenträger.
Fremdwörter können in der Alltagskommunikation, wenn sie bewusst verwendet werden, Grenzmarken der Verständigung sein. Sie funktionieren genauso wie Neuwörter, Modewörter und Jargonausdrücke. Sie sind in dieser Funktion Bekenntnis und fordern Bekenntnis ein. Wenn sie Anstoß erregen, dann wollen sie Anstoß erregen. Sie signalisieren: Wenn du mir zuhörst, wenn du mit mir reden willst, dann musst du dich auf meine Lebensform einlassen. Eine darwinistische Betrachtung der Sprache, eine Sprachauffassung, die nur die Sicherheit und Leichtigkeit der digitalen Kommunikation berücksichtigt, ist verfehlt. Wenn wir sprechen, dann sprechen wir immer auch über uns - über unsere Einstellungen, Werthaltungen und Bedürfnisse. In jedem sprachlichen Akt geben wir von uns etwas Preis. Wir stellen uns im Sprechen zur Schau. Wir bekennen uns zu den Unsrigen, wir grenzen uns von den Anderen ab. Wir markieren unsere Lebensform sprachlich - und zwar oft nicht in dem, was wir sagen, sondern immer auf die Weise, wie wir etwas sagen. Sozialsymbolische Mehrwerte sind natürlich das klassisches Schlachtfeld der Kulturkritik, und hier gerät jede Sprachkritik zur Kulturkritik.
Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Germanistik der Universität Wien.

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