Der Flug bedarf der Flügel zwei, der Schutz bedarf der Schärfe, sowohl des Geistes, der Augen, als auch des Schwertes, die Bindung mit einem Engel, dem all jenes inne ist, bedarf es des Glaubens Ungebrochenheit. Samuel glaubte. Und so kam es in der Dunkelheit seines schäbigen Zimmerchens, in dem er sich nun schon so lange angstvoll vor den Augen der Außenwelt versteckt hielt, dass sich ihm ein Engel in strahlendem Glanze offenbarte. Während die Tunika des Engels es nicht vermochte, den athletischen Körperbau eines Mannes zu verbergen, ließ das Gesicht keinen Schluss auf das Geschlecht zu. Sein rotes Haar loderte in dem seichten Luftzug, seine schwansgleichen Flügel waren der Enge des Zimmers wegen über seinem Rücken zusammengelegt, an dem rauhen Seil, welches die Tunika um die Taille band, hing sein stählernes Schwert mit schimmernden Schaft.
“Dies, Samuel, biete ich dir: Dich vor den lauernden Augen zu verbergen, dich zu schützen, will ich mich selbst hingeben, ohne Ausnahme. Doch verlangen muss ich von dir: Folge mir, ohne Fragen, wenn ich darum bitte“, sprach der Engel zu Samuel, und Samuel fühlte wie der Engel ihm durch die geschlossenen Augen hindurch auf die Seele blickte, auf eine Antwort wartend und ohne ihn dabei anzusehen.
Samuel willigte ehrfürchtig ein, kniete hernieder und küsste die Füße des Engels, woraufhin dieser ihm nicht mehr von der Seite wich, ob er nun neben ihm her ging oder direkt über seinem Kopf schwebte, die Blicke wachsam umherwerfend und alles erfassend, was sich sonst womöglich niemandem bot.
Die Zeit war für Samuel gekommen, ohne Furcht vor Beobachtern, Verführern und Vernichtern aus der Anonymität seines Zimmers aufzusteigen und am Leben der Außenwelt teilzuhaben, wie er es sich schon lange ersehnt hatte. Doch als er mit seinem himmlischen Beschützer vor die Türe trat, sah er die Welt verändert vor sich, seine Erinnerungen zeigten ihm ein anderes Bild: Die Bäume, Wiesen und die darauf spielenden Kinder waren verschwunden, stattdessen ragten steinerne Blöcke in riesiege Höhen und rasten stinkende Blechkisten an ihm vorbei, zogen die Luft mit sich und von Samuel fort.
“Deine Welt, Samuel, ist dies nicht mehr, selbst dein Verstand, nun umringt von der neuen Welt, vermag kaum noch, dir Bilder der alten zu bieten. Doch weiß ich von einem Ort, der dir all jenes aus fernen Zeiten zurückbringen wird. Dort angelangt wird mein Schutz und mein Verbergen überflüssig, denn er ist die Sicherheit selbst. Ihn zu erreichen, werden wir über Umwege wandern müssen“, sprach der Engel und fing an zu gehen. Samuel folgte, war aber besorgt, die anderen Menschen könnten verwundert sein über die engelhafte Erscheinung an seiner Seite.
“Sorge dich nicht, Samuel. Sichtbar werde ich nur deinem inneren Auge sein, jeder andere aber soll vergebens nach mir suchen, wenn ich über ihn komme“, und tatsächlich war da niemand neben Samuel, der den Engel zu erkennen in der Lage war.
Schließlich gelangten sie an eine Pforte, die der Zugang eines Parkes war. Samuel erblickte Bäume, Wiesen und Kinder, die darauf spielten. Obgleich im Besitz himmlischen Beistandes, war er glücklich, das vermeintliche Ziel unversehrt erreicht zu haben. Der Engel aber setzte seinen Gang fort, ohne sich auch nur einen Augenblick lang umzuschauen.
Samuel war verwundert darüber, dass der Weg nicht an Ort und Stelle endete, doch aus Furcht, der Engel könnte erzürnen und Samuel für ungläubig halten, wagte er nicht zu fragen, wie das Ziel eigentlich lautet. Zeit allerdings ließ man ihm nicht, sich zu wundern, denn eine Gruppe junger Männer näherte sich ihm. Fremdartig waren sowohl ihre Gesichter als auch ihre Gebärden. Sie sprachen sehr laut und durcheinander, so dass es unmöglich war, sie zu verstehen. Ihre erregten Gemüter machten ihn nervös, denn schließlich war viel Zeit verstrichen seit Samuels letztem Kontakt mit anderen Menschen.
Der Engel schloß nun seine Augen, er blickte auf die Seelen dieser Männer. Er erkannte, dass sie schlecht und feindlich waren und zog sein Schwert, um mit dem Einlösen seines Versprechens zu beginnen. Die Männer erkannten nicht wie ihnen geschah, zumal es für Erkenntnis eben zu spät war. Einer nach dem anderen sank zu Boden, diejenigen, die zu fliehen versuchten, erlangten lediglich ein kurzen Aufschub zum Schreien. Der Engel verfolgte sie in seinem stürmischen Zorn. Ihr Blut vereinigte sich auf dem erdigen Boden. Es tränkte ihn und floss dann weiter hinab in das Reich, in dem Verleumder von einem Verräter beherrscht werden.
“Unsere Zeit siecht dahin, wie der Saft, den ich aus diesen faulen Früchten presste, daher sollten wir uns von Eile leiten lassen und unseren Weg fortsetzen“, sagte der Engel, während er sein Schwert säuberte. Er hob es an und sah in dem spiegelnden Stahl eine Person, die er zunächst für Samuel hielt, doch sie trug die Schlechtigkeit in sich wie ein pulsierendes Organ. Das Spiegelbild hielt vor seinem Gesicht ein großes Küchenmesser. Sein Gesicht glich dem Samuels, würde man ihn misshandeln, Samuel aber ging neben dem Engel her und schien keine Veränderung erlebt zu haben. Die Gestalt verzog ihr Gesicht zu einem boshaften Grinsen, also blickte sich der Engel um, doch die Schlechtigkeit war verschwunden wie das Leben der Männer.
Sie wollten sich gerade aufmachen, als sie von einem uniformierten Mann aufgehalten wurden. Er schrie Samuel an, so dass ihm die Ohren schmerzten und bedrohte ihn mit einem kleinem Metallstab, mit dem er zuvor die Luft hatte donnern lassen. Der Mann schrie, Samuel solle sein Messer fallen lassen. Samuel verstand nicht, er besaß kein Messer. Als der Engel dies erblickte, wirbelte er herum und trennte mit einem mächtigen Schwerthieb die Hand, in welcher der Mann die unheilige Waffe hielt, vom Körper und durchstieß ihm daraufhin den Unterleib.
Um möglichst bald jenen gefahrvollen Ort hinter sich zu lassen, schritten sie mit erhöhtem Tempo fort. Als bald verließen sie den Park durch eine andere Pforte. Sie gelangten auf eine Straße auf der rege Betriebsamkeit herrschte. Viel höher noch erschienen hier die Blöcke aus Beton und viel schneller und lauter stahlen hier die Blechkisten Samuel die Luft. Die Blechkisten und das hohe Tempo ihres Ganges, nun schon eher ein Lauf, verlangten Samuel viel Kraft ab, so dass er kurz rasten musste. Ein Fenster zu seiner Linken bot ihm ein schwaches Spiegelbild. Viele Menschen drängten sich hinter ihm über einen schmalen Gehstreifen. Der Engel stand da, die Arme verschränkt und auf Samuel wartend, doch Samuel konnte sich selber nicht in dem Spiegelbild finden. Er konnte es sich nicht erklären, doch es war so: Er hatte kein Spiegelbild.
Nachdem er die Suche nach sich selbst aufgegeben hatte, erkannte er ein flackerndes Bild hinter der Glaswand. Es strahlte auf einer kleinen Kiste und war dort in Bewegung wie eine Vision oder ein Traum. Dieses Bild zeigte aus einiger Entfernung einen Mann mit etwas funkeldem in der Hand, womöglich ein Messer, das war nicht eindeutig festzustellen. Um ihn herum waren einige Person in heller Aufruhr, bis sie nach und nach zusammenbrachen. Das Geschehen löste sich auf und wurde überlagert von einer Frau. Sie erzählte, wegen der Fenster mit gedämpfter Stimme, dass in einem Park ein Mann in wilder Wut einige Menschen erstochen hatte. Samuel erkannte den Park, den er und sein Begleiter gerade erst durchschritten hatten und war nun besonders froh, nicht dort verweilt zu haben. Die Frau sprach in einen schwarzen Stab, als wolle sie einen Zauber ausprechen, womöglich war es eine Verheißung der Zukunft. Samuel wusste es nicht. Er fühlte aber, wie das Orakel ihn in seinen Bann zu ziehen versuchte. Er erschrak darüber und lief fort, nachdem er sich loszureißen vermochte. Während er dahin rannte, wurde er ständig an den dichten Menschenmengen aufgerieben, der Engel jedoch wurde von niemanden berührt, obgleich er keinen anderen Weg wählte. Kurze Zeit später erreichten sie eine mächtige Brücke von solcher Länge, dass sie im Nichts zu enden schien. Samuel blickte hinunter, durch die enorme Höhe wurde ihm schwindelig. Das Wasser unter ihnen lag größtenteils unter undurchsichtigem Nebel versteckt und war ebenfalls so weit entfernt, dass sein friedliches Fließen kaum zu vernehmen war.
In dem Moment da er sich umwandte, konnte er einige Schreie und fremdartige Posaunen in wiederkehrendem Schall höhren. Sie kamen von einem Dutzend Uniformierter, wie jener im Park, die aus beiden Richtungen auf ihn zu stürmten. Da sprach der Engel: “Die Zeit ist nun für dich gekommen, dein Versprechen zu halten und mir ohne Fragen zu folgen!“
Daraufhin breitete er seine Flügel in voller Größe aus und sprang über die Brüstung. In Spiralen glitt er bis knapp über den Nebel, wo er seine Arme ausbreitete, um anzudeuten, er wolle Samuel auffangen.
Samuel sprang und war nun endlich an seinem Ziel, er war in Sicherheit.
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Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.