Die Nacht als der Rhein starb

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quantas: Die Nacht als der Rhein starb
5
30.10.06 15:38
#1 downup
 

BASEL – Am Mittwoch vor 20 Jahren wurde der gute Ruf der Schweiz im Umweltschutz in einer Nacht zerstört. Doch «Schweizerhalle» hatte auch sein Gutes.


Das Lager Schweizerhalle verschwand rasend schnell in einem Flammenmeer.
 

In der Nacht zum 1. November 1986: In einer Lagerhalle für Agrochemikalien im Sandoz-Werk Schweizerhalle bricht ein Grossbrand aus. Flammen schiessen hoch in den Nachthimmel. Der Gestank der Rauchgaswolke versetzt eine ganze Region in Angst und Panik. Kein Wunder: Denn in der Halle lagern 1246 Tonnen Chemikalien.


Die Feuerwehrleute konnten nur in Schutzanzügen arbeiten.

Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt. Aber für den Rhein ist es die Katastrophe, die nie hätte passieren dürfen: 15´000 Kubikmeter Löschwasser schwemmen zehn Tonnen hochgiftige Pestizide und etwa 150 Kilogramm tödliches Quecksilber in den Rhein. Der Fluss verfärbt sich rot wie Blut. Pflanzen und Tiere haben keine Chance. Die Trinkwasserentnahme muss bis nach Holland für 18 Tage eingestellt werden.

Was alles noch schlimmer macht: Der Wasserschutz-Alarm wird zu spät ausgelöst, die Bevölkerung schlecht informiert. Während Schweizerhalle im Rampenlicht der Schweizer und der Medien steht, taucht der feige Sandoz-Boss ab: Marc Moret versteckt sich tagelang vor der Öffentlichkeit.

Später sagt der damalige Bundespräsident Alphons Egli, der gute Ruf der Schweiz im Umweltschutz sei in einer Nacht zerstört worden.

Und heute? Die Katastrophe hatte auch ihr Gutes.

  • Durch «Schweizerhalle» verlor die Schweiz ihre ökologische Unschuld. Jetzt wurde überdeutlich: Eine Garantie, dass Umweltkatastrophen nur bei anderen passieren, gibt es nicht.

  • Die Natur zeigte sich stärker als erhofft. Zunächst war befürchtet worden, das Ökosystem des Rheins könnte für Jahrzehnte hinaus zerstört worden sein. Doch heute stellen Wissenschafter der Universität Basel fest, das Rheinwasser sei seit 100 Jahren nie so sauber gewesen wie jetzt. Die Belastung mit organischen Stoffen und Schwermetallen ist deutlich zurückgegangen. Die Tierwelt hat sich nach der Brandkatastrophe unerwartet rasch erholt. In den nächsten zehn Jahren kann sogar mit der Rückkehr des Lachses gerechnet werden.

  • «Schweizerhalle» hat auf nationaler und internationaler Ebene viel in Bewegung gesetzt: Die Rheinanliegerstaaten beschlossen Massnahmen zur Entlastung des Rheins. Die OECD-Staaten setzten eine Arbeitsgruppe ein, die Richtlinien zur Sicherheit chemischer Anlagen erarbeitete.

    In der Schweiz trat am 1. April 1991 die Störfallverordnung in Kraft. Ihr unterstehen heute 2327 Betriebe, und das Gefahrenpotenzial wird vom Bund als stabil eingestuft.

  •  

    bewertet: 4x interessant, 1x informativ
    SAKU: Ich hatte eben schon Angst...
     
    30.10.06 15:41
    #2 downup
    Die waren alle so besoffen, dass sie sich nicht dran erinnern KÖNNEN, dass ich bei der Party damals in den Rhein gekübelt hab ;o)))
    __________________________________________________
    VIVA ARIVA!  
    Talisker: In der Elbe
     
    30.10.06 15:50
    #3 downup
    hats bereits wieder Lachse, war ne Meldung vor ein paar Tagen.
    Wer hätte das gedacht, nicht schlecht.
    Gruß
    Talisker
    kiiwii: na denn...Guten Appetit!
     
    30.10.06 15:59
    #4 downup
    MfG
    kiiwii
    quantas: Der Schaden belief sich auf 141 Millionen Franken
     
    30.10.06 16:14
    #5 downup
    Die Ursache des Brands ist nie ganz geklärt worden. Vor Gericht verantworten mussten sich nur zwei Sandoz-Mitarbeiter. Sie wurden wegen Verstössen gegen das Gewässerschutzgesetz bei der Brandbekämpfung mit Bussen von einigen hundert Franken bestraft. Der direkte finanzielle Schaden betrug 141 Millionen Franken. Sandoz fusionierte 1996 mit Ciba-Geigy zur heutigen Novartis.
    quantas: Die positiven Folgen einer Umweltkatastrophe
     
    01.11.06 11:40
    #6 downup

    Guter Zustand des Rheins 20 Jahre nach «Schweizerhalle»

    Der Rhein hat sich von den Folgen des Brandes von Schweizerhalle im November 1986 erholen können. Nach der Katastrophe wurden grosse Fortschritte bei der Überwachung der Wasserqualität gemacht. Heute bereiten aus biologischer Sicht schwer abbaubare Chemikalien Sorgen.

    Von Walter Giger, Professor für Umweltchemie an der ETH Zürich

    Nach der Brandkatastrophe von Schweizerhalle vom 1. 11. 1986 sind grosse Anstrengungen unternommen worden, um den weitherum sichtbaren Schädigungen des Ökosystems «Rhein» in einer nachhaltigen Weise entgegenzuwirken. Das Vertrauen in die Selbstkontrolle der chemischen Industrie war nach der Katastrophe stark erschüttert. Massnahmen der Behörden wie die Schweizerische Störfallverordnung und die Schaffung von Chemiekontrollstellen waren unmittelbare Folgen des Brandes. Wesentlich verstärkt wurden die Bemühungen der Internationalen Kommission zum Schutze des Rheins vor Verunreinigungen. Nach 20 Jahren lässt sich eine insgesamt positive Bilanz ziehen, wenn man von den unmittelbaren Schäden absieht. Der Rhein unterhalb von Basel ist an heissen Sommertagen nach Jahrzehnten wieder für viele Badende zu einem Naherholungsgebiet geworden.

    Teilweise veränderte Flussbiologie

    Die Verunreinigung des Rheins durch die im Löschwasser eingetragenen Schadstoffe hatte im November 1986 in einer katastrophalen Art die Flusslebewesen einschliesslich der Fische geschädigt. Wie die Fachleute der Eawag, des Wasserforschungsinstituts des ETH-Bereichs, vor 20 Jahren richtig vorausgesagt hatten, erholten sich die Organismen im dynamischen Fliessgewässer- System in relativ kurzer Zeit, d. h. innerhalb einiger Monate. Unterstützt wurde dies durch Einwanderung von Organismen aus Oberlauf, Zuflüssen und Seitenarmen und weil Hochwasser den verschmutzten Rhein rasch gespült hatten. Sogar das ehrgeizige Ziel der Wiederbesiedlung durch edle Wanderfische - insbesondere durch den Lachs - scheint in nicht mehr ferner Zukunft erreichbar zu sein, obwohl das ursprüngliche Programm «Lachs 2000» mittlerweile in das Programm «Rhein & Lachs 2020» übergeführt worden ist. Haupthindernisse sind allerdings nicht mehr chemischer, sondern physikalischer Natur, d. h. vor allem die Stauhaltungen, Wehre und Turbinen der Elektrizitätswerke sowie die begradigten Flussufer.

    Gemachte Hausaufgaben

    Eine negative Entwicklung wurde durch Wissenschafter am Institut für Natur-, Landschafts- und Umweltschutz der Universität Basel entdeckt. Die auf der Flusssohle lebenden wirbellosen Organismen (Krebse, Muscheln, Schnecken, Würmer) werden zunehmend von nicht einheimischen Arten dominiert. Die Forscherinnen gehen davon aus, dass die Schweizerhalle-Katastrophe freie ökologische Nischen geschaffen hat und dass dadurch die Einwanderung von exotischen Arten erleichtert wurde.

    Der Chemikalienbrand in Schweizerhalle veranlasste die Ausarbeitung und den Erlass der Schweizerischen Störfallverordnung, die auf der gesetzgeberischen Seite unter anderem die Lücken betreffend Lagerhaltungsvorschriften ausfüllte. Beispielsweise sind nun Rückhaltebecken für möglicherweise anfallendes Löschwasser vorgeschrieben. Die chemische Industrie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten enorm angestrengt, um das Risiko von Umweltverschmutzungen zu verkleinern. Dazu gehören eine rigorose Organisation der Chemikalienlager und ein gut entwickeltes Abwassermanagement.

    Vor 20 Jahren verfügte die Schweiz am Rhein nur über ein wenig ausgebautes System für die Überwachung der chemischen Wasserqualität. Es gab zwar bereits mehrere gut ausgerüstete Probenahmestationen, die im Rahmen des schweizerischen Flussüberwachungsprogrammes Naduf und als Messstationen der Internationalen Kommission für den Schutz des Rheins vor Verunreinigungen (IKSR) betrieben wurden. Gemessen wurden aber nur konventionelle Wasserparameter und einige anorganische Verunreinigungen (Schwermetalle, Phosphat, Nitrat). Organische Schmutzstoffe wurden nur sporadisch untersucht (z. B. NTA, ein Waschmittelphosphat-Ersatzstoff, und Nonylphenole, Abbauzwischenprodukte einer reinigungsaktiven Substanz).

    In der Folge der Schweizerhalle-Katastrophe wurde die Naduf-Station bei Village Neuf durch die internationale Rhein-Überwachungs-Station bei Weil am Rhein ersetzt, die seit 1993 durch die Schweiz und das Land Baden-Württemberg gemeinsam finanziert wird, wobei die Wasseranalysen im chemischen Labor des baselstädtischen Amtes für Umwelt und Energie durchgeführt werden. Dank dieser Station wird nun unterhalb von Basel auf einem ähnlich hohen Fachniveau analysiert wie in den deutschen und niederländischen Stationen am Mittel- und Niederrhein. Ungefähr 240 einzelne Substanzen werden regelmässig überwacht. Zudem werden täglich Proben auf zusätzlich auftretende, unbekannte Verunreinigungen geprüft. Beispielsweise ergaben die Analysen Anfang 2006 Hinweise auf eine Rheinverschmutzung durch 4,5 Tonnen des giftigen Dimethylanilins. Die verursachende Firma hatte keine Kenntnis von dieser Gewässerverunreinigung.

    Verhalten der Konsumenten wichtig

    In den letzten Jahren studierte ein Eawag-Forschungsteam das Umweltverhalten der schwer abbaubaren Chemikalie Benzotriazol, die unter anderem als Silberschutz in Geschirrspülmitteln eingesetzt wird. Das Benzotriazol wird in den Kläranlagen nur zu einem kleinen Anteil eliminiert und gelangt deshalb in die Flüsse und Seen. Die in den Wasserproben bei Weil am Rhein gefundenen Konzentrationen ergaben Frachten von 100 bis 220 Kilogramm pro Woche. Dieses Beispiel zeigt, dass kontinuierliche Einträge von persistenten Haushaltschemikalien auch zu substanziellen Restgehalten in den Gewässern führen können. Eine Stossbelastung, wie sie in Schweizerhalle vor 20 Jahren erfolgte, ist durch ihre Schadwirkung klar erkennbar. Sie hat deshalb Gegenmassnahmen bewirkt, die sich langfristig positiv auswirken. Stärker beachtet werden müssen jedoch die nicht offensichtlichen, chronischen Wasserverunreinigungen, zu denen auch jeder Einzelne beiträgt, und zwar je nach Konsumverhalten in unterschiedlichem Ausmass.

     
     
     

     

     
     
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